Predigt zu Apostelgeschichte 2, 41-47 am 7. Sonntag nach Trinitatis

Der Bericht über die erste Gemeinde soll uns vor Augen halten, was durch die Kraft des Heiligen Geistes zu allen Zeiten möglich ist.

41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Ein schöner Bericht über die erste Gemeinde

In der Geschichte der Kirche

war dieser Text immer wieder Vorbild für viele Gruppen, die die Kirche vom Glauben her erneuern wollten, bis hin zu Extremen wie dem christlichen Kommunismus. Manche Gruppen sind aus der Kirche rausgegangen, weil sie die Erfahrung machten, dass die offizielle Kirche zu starr war und sie keinen Weg sahen, um die Kirche von innen her zu erneuern.

Die erste Gemeinde ist und sollte Vorbild für jede Gemeinde sein. Aber wie ist das heute bei uns in unserer Zeit?

Die ganze Kirche und auch schon jede Kirchengemeinde ist ein kompliziertes Gebilde: Es gibt eingeschriebene Mitglieder, die aber auch austreten können. Es gibt Mitglieder, die glauben gar nicht an Jesus, andere ein bisschen und wieder andere sehr intensiv. Einige besuchen regelmäßig den Gottesdienst, andere ab und zu und wieder andere gar nicht. Einige nehmen noch an Gruppen teil und andere beteiligen sich aktiv an der Gestaltung des Gemeindelebens. Es gibt viele unterschiedliche Interessen und unzählig viele verschiedene Erwartungen von vielen an einige Aktive, die das erfüllen sollen. Einige fühlen sich wohl in der Gemeinde, andere gar nicht oder haben keinen Bezug dazu. Pastoren und Kirchenvorsteher sind die Chefs und neben Ehrenamtlichen gibt es auch angestellte Mitarbeiter. Insofern ist Kirche eine ganz normale Organisation in der Gesellschaft wie viele andere Institutionen und Vereine auch. Und in diesem Gefüge soll dann der Glaube an Jesus, mit dem alles einmal angefangen hat, auch noch eine zentrale Rolle spielen und gelebt werden.

Ausgehend von der Theologie und den Sozialwissenschaften kann man die Kirche auf dreierlei Weise betrachten:
  1. Die Kirche als Institution mit einer Organisationsstruktur, Ordnungen und Regeln, Entscheidungshierarchien und freien Mitgliedschaften.
  2. Die Kirche als Unter Milieu versteht man eine bestimmte Gruppe, in der man sich wohlfühlt, sich versteht und Sprache und Gewohnheiten ähnlich werden. Manchmal gibt es solche Milieu-Gruppen als Kern der Gesamtgemeinde oder sie versammeln sich in einzelnen Gruppen. Auch in anderen Bereichen gibt es Milieu wie zum Beispiel in Sportvereinen, Jugendszenen, Vereinen und Gruppen. Im Milieu fühlt man sich wohl, angenommen und dann ist man dabei oder eben auch nicht, und dann bleibt man ihr fern.
  3. Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden sind die Menschen, die Jesus Christus lieben und von ihm begeistert sind. Sie versammeln sich, um diesen Glauben zu leben und zu verbreiten, die sich einfach freuen und dankbar sind für das, was Jesus für sie getan hat, unabhängig von Interessen, Sympathien oder Erwartungen.
Die Institution Kirche kann auch ohne Glauben existieren, das Milieu auch, aber der Grund, warum Kirche da ist, ist der Glaube an Jesus Christus und wo der fehlt, kann es keine Gemeinschaft der Glaubenden geben.

Die Frage an jeden Einzelnen ist: Was bewegt mich, mit der Kirche etwas zu tun haben zu wollen? Warum halte ich mich zur Gemeinde, besuche einen Gottesdienst oder beteilige mich vielleicht sogar aktiv?

Geht es darum, konfirmiert zu werden, Pate sein zu können, kirchlich getraut oder bestattet zu werden; will ich mich selbst verwirklichen, mich sozial engagieren oder einfach Gutes tun?

Um diese Frage geht es auch am Anfang des Bibeltextes, der ersten Gemeinde.

Da heißt es: „die sein Wort annahmen“, das heißt die darauf vertrauten, darin Halt und Geborgenheit, Trost fanden, sich danach orientierten, Wertigkeiten im Leben festlegten. Sie nahmen sein Wort an, weil sie begeistert waren von Christus. Er ist das Wichtigste und die Mitte in ihrem Leben geworden.

Die Begeisterung durch den Heiligen Geist über Christus, die lebendige Beziehung zu ihm steht am Anfang der Gemeinde.

Dann wird die Gemeinde beschrieben, die sich daraus entwickelte:

Sie blieben beständig zusammen, das heißt täglich; sie schlossen sich an die Quellen für ein lebendiges Glaubensleben an: Gebet, Beschäftigung mit der Bibel, Gemeinschaft leben und das Abendmahl. Man kann es auch als die vier „Steckdosen“ Gottes bezeichnen, denn auf diesem Weg fließt die Energie, die Kraft Gottes zu uns Menschen. Als Folge davon teilten sie alles miteinander: ihre Not, ihre Freude, ihre Begabungen und ihre finanziellen Mittel. Dieses christliche Gemeinschaftsleben hatte eine starke Ausstrahlung nach außen, so dass die anderen Menschen sagte: Da muss was dran sein, damit müssen wir uns näher beschäftigen.

Bei der Beschäftigung mit diesem Text besteht leicht die Gefahr der Schwarz-Weiß Malerei,

dass wir denken, früher war alles gut und heute ist alles schlecht, weil wir bei der Analyse unseres Gemeindelebens feststellen, dass wir davon weit entfernt sind. Aber es gab in der ersten Gemeinde auch Probleme und Auseinandersetzungen: Einige fühlten sich benachteiligt, die Apostel konnten nicht alles machen, Christen aus dem Judentum und aus anderen Völkern hatten ganz unterschiedliche Vorstellungen von einem christlichen Leben und auch unter den Aposteln gab es Streit. Auf der anderen Seite gibt es auch heute christliche Gemeinschaft, die dadurch entsteht, dass Menschen Jesus Christus lieben, die im Gottesdienst oder in Kreisen zusammenkommen, vieles teilen und sich aus Liebe zu Jesus Christus mit ihrer Kraft, ihren Begabungen und mit  Zeit und Geld engagieren.

Nur wir dürfen uns auch nichts vormachen. Wir leben in einer Zeit, in der die Gemeinschaft, die aus dem lebendigen Glauben kommt, in der Kirche häufig eine untergeordnete Rolle spielt.

Es geht hier nicht um eine Kritik nach oben an die Kirchenleitungen, sondern es ist eine Anfrage an jede noch so kleine Gemeinde. Wichtig ist häufig, dass Menschen sich wohlfühlen, ihre Interessen zum Zuge kommen oder sie ihren Anspruch auf Leistungen wie zum Beispiel Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Besuche befriedigt sehen. Das führt zu Unbeweglichkeit und Starre, in der viele ausgeschlossen werden, Neue nicht dazukommen und die Gemeinde wenig geistliche Ausstrahlung hat.
Wir
können uns nicht damit zufrieden geben, dass 95 % sonntags nicht im Gottesdienst sind, der christliche Glaube nur Randbedeutung hat, die Frage, was gefällt, im Vordergrund steht, das kirchliche Leben unbeweglich und starr ist und die Lebendigkeit des Glaubens wenig ausgestrahlt wird.

Unser Bericht über die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte ist aber kein Organisationsprogramm für eine lebendige Gemeinde, das wir mit ein wenig Anstrengung erfüllen können. Eine Gemeinde wird nicht in erster Linie durch neue Programme oder Aktivitäten oder neue Formen neu, sondern durch eine Erneuerung des Glaubens durch den Heiligen Geist lebendig.

Der Bericht in der Apostelgeschichte soll uns vor Augen halten, was durch die Kraft des Heiligen Geistes zu allen Zeiten möglich ist. Wenn wir uns dem Wirken des Heiligen Geistes aussetzen, indem wir uns anschließen an die Quellen des lebendigen Glaubens, den „Steckdosen“ Gottes, dann erneuert sich unser Glaube und verändert das Leben der Gemeinde. Wo Menschen zusammenkommen, die aus der Motivation des Glaubens da sind, da verändert Gemeinde sich auf das zu, was die erste Gemeinde gelebt hat.

Ich träume von einer Gemeinde,

die vom Glauben her fragt: Was müssen wir tun, was muss sich verändern, was muss bleiben, die von dieser Frage umgetrieben wird und immer nach besseren Antworten sucht und dafür alles einsetzt. Sich nicht zu verändern, ist mit dem Glauben nicht vereinbar!

Wir brauchen eine lebendige Gemeinde

für die eigene Stärkung im Glauben; für die Menschen, die auf der Suche sind; für Gott, damit er wichtig wird.

Die Frage ist: Was ist Ihre Motivation, um mit der Gemeinde etwas zu tun haben zu wollen?

Predigt zu Apostelgeschichte 2, 41-47