Predigt zu Lukas 10, 25-37 am 13. Sonntag nach Trinitatis

Was zeichnet einen Christen aus und macht ihn zu einem guten Christen?

Halten Sie die 10 Gebote oder richten sich auch nach allem, was in der Bergpredigt in Matthäus 5 bis  7 steht? Gehen Sie zur Kirche, jedenfalls ab und zu, oder treten sie für soziale Gerechtigkeit ein?

Und was ist dann das Besondere an einer christlichen Gemeinschaft?

Dazu lesen wir einen Abschnitt aus Lukas 10, 25-37:

25 Da kam ein Gesetzeslehrer und wollte Jesus auf die Probe stellen; er fragte ihn: »Lehrer, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?« 26 Jesus antwortete: »Was steht denn im Gesetz? Was liest du dort?« 27 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« 28 »Du hast richtig geantwortet«, sagte Jesus. »Handle so, dann wirst du leben.« 29 Aber dem Gesetzeslehrer war das zu einfach, und er fragte weiter: »Wer ist denn mein Mitmensch?« 30 Jesus nahm die Frage auf und erzählte die folgende Geschichte:»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs überfielen ihn Räuber. Sie nahmen ihm alles weg, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halb tot liegen. 31 Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg. Er sah den Mann liegen und ging vorbei. 32 Genauso machte es ein Levit, als er an die Stelle kam: Er sah ihn liegen und ging vorbei. 33 Schließlich kam ein Reisender aus Samarien. Als er den Überfallenen sah, ergriff ihn das Mitleid. 34 Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich weiter um ihn kümmerte. 35 Am anderen Tag zog er seinen Geldbeutel heraus, gab dem Wirt zwei Silberstücke und sagte: ‚Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, will ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.’« 36 »Was meinst du?«, fragte Jesus. »Wer von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: »Der ihm geholfen hat!« Jesus erwiderte: »Dann geh und mach du es ebenso!«

Der Gesetzeslehrer gibt die richtige Antwort: Die Liebe ist das Besondere!

Aber was ist hier in der Bibel damit gemeint?

Im 1. Johannesbrief heißt es:  „Das Besondere an dieser Liebe ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt.  Gott hat uns geliebt, bevor wir ihn liebten, indem er seinen Sohn für uns hingegeben hat.“ Gott liebt uns, ohne dass von uns ein Impuls zur Liebe ausgegangen wäre und ohne mit Gegenliebe zu rechnen, wohl aber darauf zu hoffen.

In unserem Abschnitt kennt der Samariter den in Not geratenen nicht, er sieht nur die Not und tut etwas, ohne etwas von dem in Not geratenen zu erwarten. Der Levit und der Priester sehen auch die Not, tun aber nichts. Jesus macht deutlich: Das ist Unterschied. Dieser hatte Liebe. Es geht nicht um ein gutes Werk, sondern um die Liebe. Er war auch kein besonders frommer und angesehener Mensch, denn Samariter galten für die frommen Juden als minderwertig.

Diese Liebe, so wie Gott sie uns in Jesus zeigt, und wie es bei uns Christen sein soll, braucht vom Gegenüber keinen Impuls an Sympathie oder guten Taten, sondern liebt ohne Voraussetzung im Gegenüber; sie will nichts beweisen, keine gute Tat zeigen und erwartet auch keine Belohnung oder einen Dank. Es geht auch nicht um ein Gefühl, sondern um das liebende Tun und Helfen, das aus dem Herzen kommt. Die wahre Liebe teilt nicht auf, indem sie den einen liebt und den anderen nicht, je nachdem, wie der andere ist, sondern sie ist im Herzen unteilbar. So gehört Gott lieben und Menschen lieben zusammen und sie fragt nicht, ob ein Mensch die Liebe verdient hat.

Wie kann unsere christliche Liebe konkret werden? Wo ist die Not, wo wir helfen können?

Viele denken sofort an die Dritte Welt, an Spenden, an soziales Engagement vor Ort, usw. Das ist alles gut, aber heute nicht das Thema. Andere sagen: Ich möchte konkret helfen, etwas tun, zum Beispiel Armen zu Essen und Kleidung geben. Sehr oft wurde ich schon gefragt: Herr Pastor, haben Sie nichts, wo man helfen kann? Es scheint so, als gäbe es in unserer Umgebung einen großen Mangel an Möglichkeiten, wo man seine christliche Liebe zum Ausdruck bringen kann.

Im 19. Jahrhundert gab es Waise, Witwen, Arbeitslose, Obdachlose, Prostituierte, Kranke, die wirklich Hilfe brauchten, die in großer physischer Not waren und keine Hilfe bekamen. So entstanden in dieser Zeit große christliche Hilfswerke, wie das Waisenhaus von Wichern, die Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, viele Diakonissenhäuser und zahlreiche andere Werke, um die Not der Menschen zu lindern. Die physische Not war groß. Viele Kirchengemeinden und einzelne Christen halfen mit, diese Not zu lindern.

Diese physische Not ist heute in großen Teilen Mitteleuropas aber nicht das Problem. Für jede physische Not gibt es irgendeine Stelle von Staat oder von anderen Organisationen, die Hilfe anbieten. Nun höre ich schon den Protest: Auch bei uns gibt es Armut! Menschen schämen sich dafür und verstecken ihre Not.  Der Protest ist berechtigt, wenn man die Situation nur im Vergleich mit den meisten sehr wohlhabenden Menschen in unseren Regionen sieht. Wenn man es aber vergleicht mit vielen Menschen in der sogenannten Dritten Welt oder mit vielen Menschen des 19. Jahrhunderts, dann sind diejenigen, die bei uns als arm bezeichnet werden, in Wirklichkeit sehr reich. Keiner muss hier verhungern.

Die großen Probleme unserer Zeit in unseren Regionen liegen auf einer anderen Ebene.

Das ist die seelische Not: Einsamkeit, Überforderung, harter Konkurrenzkampf in Schule und Arbeitsplatz, sich als Verlieren fühlen, keine Kraft mehr, ausgebrannt sein, sich innerlich leer fühlen, mangelndes Selbstwertgefühl und andere seelische Nöte. Große Volkskrankheiten sind burnout, Depressionen, Einsamkeit und Sinnlosigkeit.

Hinzu kommt die geistliche Not, die geistliche, nicht geistige: Viele Menschen haben keine Antwort auf die grundlegenden Fragen, wie zum Beispiel: Was gibt mir einen festen Halt; woher bekomme ich die Kraft für die täglichen Herausforderungen; wo finde ich eine gute Orientierung; wie werde ich mit dem Sterben fertig? Sie bauen sich selbstgebastelte religiöse Antworten zusammen, die nicht tragfähig sind. Professor Lütz bezeichnet sie als Plastikreligionen, eben künstlich vom Menschen hergestellt. Andre halten geistliche Fragen überhaupt nicht für wichtig und interessieren sich deshalb auch nicht für die Antworten Jesu. Dabei sind sie wichtiger als alles andere, denn erst durch die richtigen Antworten erhält der Mensch eine feste Grundlage, ein sinnvolles Leben und eine ewige Hoffnung.

Das ist die Not der modernen europäischen Menschen! Sie müssen sich nur umschauen und sehen überall diese Not, in allen Bevölkerungsgruppen. Viele empfinden die Welt, das Leben als kalt und hart und als ständige Überforderung. Sie ziehen sich zurück auf Ehe, Kinder und Freundeskreis, überfordern sich mit gegenseitigen Erwartungen nach Glück und erfülltem Leben  und werden enttäuscht.

Als Christen können wir diesen Menschen helfen, denn wir kennen den, dessen Antworten echt sind und besser als alles andere auf der Welt: Jesus!

Wie gehen wir damit um, dass wir die Antwort auf die Not kennen?

Oft haben wir keinen Blick, weder für die Not noch für die Menschen, weil wir so stark mit uns selbst beschäftigt sind: mit unserem Beruf, unseren Aufgaben, der Familie, Hektik und Karriere, unseren Sorgen; weil wir selbst genug Probleme haben, selbst im Kampf ums seelische Überleben stecken. Manchmal schieben wir die Nöte anderer ab und denken, da sollen sich die Fachleute drum kümmern: Pastoren, kirchliche Institutionen, Psychologen und andere Experten.

Der Selbsterhaltungstrieb sagt: Ich nicht, ich habe dafür keine Kraft und Zeit. Die Liebe sagt: Ich will helfen, lernen, zu helfen.

Und wir können viel tun. Wir müssen nicht die ganze Welt retten oder die Weltprobleme lösen. Das können wir auch gar nicht. Aber in unserem täglichen Umfeld sind wir gefordert: im privaten Bereich in der Familie, bei Freunden und Nachbarn, beim Einkaufen oder am Arbeitsplatz als Vorgesetzter oder Kollege.  Steuerberater, Gastwirte, Bankfachleute, Kundenberater haben gute Möglichkeiten seelsorgerlich zu helfen und unter Kollegen ist oft mehr Seelsorge erforderlich als in großen Projekten. Genauso ist es in lebendigen Kirchengemeinden. Viele Menschen kommen dort hin mit Sorgen und Nöten, auch wenn man es nicht gleich sieht. Sind dann genügend Christen da, um für andere da zu sein? Ist in der Gemeinde die Liebe in besonderer Weise spürbar, oder bleiben die, die in Not sind, lieber weg, weil man auch oder besonders unter Christen eine heile Fassade zeigen muss, voller Kraft und Energie?

Wir sollen zuerst da helfen, wo uns die Not in unserem Alltag begegnet und nicht Ausschau halten nach großen Hilfsprojekten und dabei die Not im eigenen Umfeld übersehen.

Mit Liebe anderen helfen heißt nicht, das zu tun, was sie sich von uns wünschen oder was man allgemein meint, was man tun muss. Die wahre Liebe kann einfühlsam oder hart sein, nachgebend oder fordernd. Die wahre Liebe handelt nicht nach festen Mustern, sondern schaut darauf, was für den anderen im Sinne Gottes gut und förderlich ist. Lieben heißt nicht, dass man alle sympathisch und nett finden muss, sondern dass man bereit ist, denen im Sinne Gottes zu helfen, die diese Hilfe wollen. Was es heißt, zu lieben, sehen wir am besten bei Jesus.

Wie können wir zu liebenden Menschen werden,

die erfüllt sind von Liebe zu Gott und zum Nächsten, die helfen und geben wollen; die nicht mehr zuerst an sich denken müssen, weil sie ihre Angst vor dem Leben überwunden haben, sich geliebt und geborgen wissen; die einen Blick haben für die Nöte anderer und helfen wollen, ganz selbstlos, ohne an einen eigenen Vorteil zu denken, ohne dafür Lob und Anerkennung zu bekommen oder wieder geliebt werden.

Martin Luther ist an dieser Frage fast zerbrochen. Er wusste: Ich soll Gott von ganzem Herzen lieben und den Nächsten wie mich selbst. Er merkte, ich kann gute Werke tun, mir Bußübungen auferlegen, meine Bedürfnisse niederkämpfen, und dann auch eine Liste von guten Werken auflisten. Aber ich schaffe es nicht, so zu lieben, wie Jesus es getan hat und von uns will, bis er durch die Bibel begriff, worauf es ankommt:

Lieben kann ich nur, wenn ich mich geliebt weiß:

In der Tat ist es so, dass es Menschen, die im Leben viel Liebe erfahren, leichter fällt, zu lieben.

Ein Verliebter, der vorher noch ein Kotzbrocken war, kann plötzlich die ganze Welt umarmen, weil er so voller Liebe ist. Darüber gibt es schöne Hollywood-Filme. Können Sie sich erinnern, schon einmal so voller Liebe gewesen zu sein?

Aber selbst, wenn wir diese Liebe erfahren, müssen wir schmerzhaft entdecken, dass jede menschliche Liebe unvollkommen und begrenzt ist. Und was wäre mit den anderen, die eine solche Liebe nie erfahren, könnten sie dann nie zu liebenden Menschen werden? Die menschliche Liebe ist keine verlässliche Quelle für unsere Liebe.

Es ist Gottes Liebe in Jesus Christus, die uns zu liebenden Menschen machen kann.

Wenn ich sie so richtig erfahre, mich ihr aussetze, dann verliere ich meine Angst vor der Zukunft, vor Sorgen, vor dem Leben und auch meine Angst vor Gott und Menschen; dann werde ich davon frei – und frei für andere, frei zu lieben.

Lieben kann ich nur, wenn ich von der Liebe überwältigt werde, mich besiegen, anfüllen lasse, ohne mein Zutun.

Und wenn ich so überwältigt bin, fange ich an, Gott, den Nächsten, mich selbst und sogar die Feinde zu lieben. Ich bin reich beschenkt, also kann ich weggeben, Gott ist für mich da, also kann ich für andere da sein. In seinem Auftrag kann ich mich um seine geliebten Menschen kümmern.

Mit einem offenen Herzen auf Jesus entsteht diese Liebe und wächst sie.

Denn ich bin noch nicht vollkommen. Immer wieder taucht die Angst auf und ich beginne, für mich zu kämpfen. Aber hier kann ich wachsen: in der Liebe, im Glauben und in der Hoffnung auf Erlösung. In dieser Liebe Jesu leben, macht glücklich, gibt Sinn im Leben, einen festen tragfähigen Halt und eine ewige Hoffnung..

Das Besondere an Christen oder einer Kirchengemeinde sind nicht irgendwelche Projekte oder guten Werke, sondern ist die Liebe, die Christus uns schenkt. Christus ist das Besondere. Etwas anderes Besonderes haben wir nicht.

Sie kennen die Quelle der Liebe und können sich ständig von ihm anfüllen lassen. Sie sind berufen und beauftragt, in der Liebe zu leben, sie auszustrahlen und weiterzugeben.

Darum lasst uns seine Liebe zu den Menschen bringen, für sie etwas Paradies schaffen, als Christen und als Gemeinde einen Unterschied in die Welt bringen.