Predigt zu Johannes 15, 9 – 12 am 21. Sonntag nach Trinitatis

Geliebt zu werden ist wunderschön, aber was ist Liebe und wo finden wir diese Liebe?

9 So wie der Vater mich liebt, habe ich euch meine Liebe erwiesen. Bleibt in dieser Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote befolgt, dann bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote meines Vaters befolgt habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Ich habe euch dies gesagt, damit meine Freude euch erfüllt und an eurer Freude nichts mehr fehlt.

Liebe! Was gibt es Schöneres im Leben, als so richtig geliebt zu werden.

Eine solche Liebe gibt Halt, Geborgenheit, Kraft, Freude, Frieden und Sinn. Es ist einfach alles positiv. Das ist wie zu Hause ankommen, da sein, wo ich aufblühen, fröhlich und entspannt sein kann. Die Sehnsucht, so geliebt zu werden, begleitet uns unser ganzes Leben: als Kind bei den Eltern, dann bei Freunden, beim Ehepartner, von den Kindern, in der Gemeinde, am Arbeitsplatz, usw. Aber diese Sehnsucht nach Liebe, geliebt werden, lockt uns oft in die Falle der Enttäuschung. Wenn wir sie zuerst von Anderen erwarten, dann stellen wir fest, dass die anderen auch sehr unvollkommen sind in ihrer Liebe, genauso wie wir selbst. Die Folge ist, ich werde enttäuscht, denn sie können mir diese Liebe, die ich zu einem aufblühenden Leben brache, nicht immer geben. Und wenn alle gleichzeitig erwarten, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Dann prallen Erwartungen aufeinander, die nur in Enttäuschung enden können. Gbit es überhaupt die Möglichkeit, so geliebt zu werden?

Bei der Liebe, von der Jesus hier redet, geht es nicht zuerst um die Liebe, die ich erfahre, sondern um die Liebe, die ich gebe, tue.

Aber was heißt das denn nun, den anderen aktiv zu lieben?

Im Deutschen wird der Begriff „Liebe“ in vielen Bereichen verwendet: in der Ehe, zwischen Eltern und Kinder, unter Freunden, in der Kirche. Lieben können wir Menschen, Gegenstände, Eigenschaften und Situationen. Der eine liebt einen Menschen, der andere ein Kunstgemälde oder eine musikalische Begabung und wieder ein anderer das Urlaubsfeeling am Mittelmeer.

Es gibt die …

… „Affenliebe“,

wenn Eltern sich an ihre Kinder klammern, ein Ehepartner an den anderen und dann sagen: Ohne dich kann ich nicht leben. Das scheint eine große Liebe zu sein, ist aber doch nur Egoismus.

… „dominante Liebe“,

wenn ich eine Vorstellung habe, wie der andere sein soll, und ihn dazu bringen will, ihn also nach dem eigenen Bild neu erschaffen will, natürlich nur mit den besten Absichten. Das scheint mir ein großes Problem in Ehen und Kindererziehung zu sein. Doch das ist eher Hochmut anstatt Liebe.

… „unterwürfige Liebe“,

mit der ein anderer so verehrt wird, dass man dafür sogar seine eigene Persönlichkeit aufgibt. Diese Liebe sieht man manchmal innerhalb einer Ehe, im Verhältnis zum Chef oder auch im Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Mit dieser Liebe vergessen Menschen die Liebe zu sich selbst und zerstören ihre eigene Person.

… „egoistische Liebe“,

die für einen anderen etwas Gutes tut, um selbst etwas zurückzubekommen. Der Andere ist nur Mittel zum Zweck für die eigenen Bedürfnisse.

…  „mitleidsvolle Liebe“.

Für diese Liebe steht das aus dem Griechischen stammende Wort „Sympathie“.  Es ist das Leid des Anderen, das mich bewegt, Gutes zu tun und für den anderen da zu sein. Diese Liebe braucht immer den Impuls von außen, um aktiv zu werden. Sie handelt nicht aus einem aus dem Herzen kommenden eigenen Antrieb.

… „romantische Liebe“,

mit der ein Mensch etwas oder jemand so reizvoll und anziehend findet, dass er oder sie sich darin verliebt, zum Beispiel in Menschen, in ein Buch, Musik, ein Kunstwerk oder eine Situation. Auch diese Liebe braucht einen Impuls von außen, jedoch nicht um Gutes zu tun, sondern für das eigene Glücksgefühl. Im Griechischen steht für diese Liebe das Wort „eros“.

Das alles hat aber nichts mit der Liebe zu tun, von der Jesus hier redet.

Jesus sagt: liebt so, wie ich euch liebe!

Im Griechischen steht dafür das Wort „Agape“,

was so viel wie Hingabe bedeutet. Wer mit der Liebe Jesu liebt, gibt sich für den Anderen hin, ohne sich dabei selbst aufzugeben oder zu zerstören. Für Jesu Liebe passen Begriffe wie vergebend, fördernd, nicht nachtragend, geben, schenken, verständnisvoll, helfend. Eine wunderbare Zusammenfassung finden wir dazu in 1. Korinther 13. Diese Liebe ist stark und besteht in einem aktiven Tun. Sie  handelt völlig aus eigener Motivation und ist unabhängig vom Gegenüber, von seiner Not, Attraktivität oder was ich zurückbekomme. Diese Liebe beginnt nicht mit einem Gefühl, das mein Gegenüber in mir auslöst, sondern mit dem Entschluss: Ich will für den anderen das Beste tun. So hat Gott beschlossen, den Menschen mit Jesus seine Liebe und Rettung zu bringen. So liebt Jesus uns immer wieder, jeden Tag. Nur mit dieser Liebe kann man das Gebot Jesu von der Feindesliebe verstehen, denn bei Feinden bekomme ich keinen Impuls zur Liebe. Ich muss es beschließen und tun.
Aber Jesus will uns mit seiner Liebe nicht einfach ein paar Wellnesszeiten ermöglichen, sondern seine Liebe hat ein Ziel:

Er sieht, wie der Mensch nach dem Bild Gottes sein kann und er will uns helfen, die Verschmutzungen und Verbiegungen zu beseitigen und uns zum Bild Gottes hin zu verändern, denn nur dann werden wir ein glückliches, erfülltes, sinnvolles Leben führen können. Er liebt nicht immer alles, was bei uns da ist, sondern er liebt uns und was nach dem Bild Gottes bei uns möglich ist.

Die Liebe, so wie Christus liebt, lässt dem Anderen die Freiheit, sich selbst zu entwickeln.

Sie zwingt nicht, sondern hilft, schenkt, fördert, damit der Andere sich zum Bild Gottes hin entwickeln kann. In dieser Liebe der Freiheit kann der Andere sich entfalten und aufblühen. Und sie wartet geduldig, dass der andere mit der gleichen Liebe antwortet. Das ist die Hoffnung der Liebe, dass mit der gleichen Liebe geantwortet wird. So ist es unter uns Menschen, und wenn die Liebe erwidert wird, sind wir glücklich. So möchte Gott eine Liebesgemeinschaft mit uns, angefüllt mit seiner Liebe. Wenn Liebe nicht beantwortet wird, entsteht Liebeskummer . Das Kreuz Jesu ist das Zeichen der Liebe Gottes zu uns in der völligen Hingabe Jesu für uns, aber es ist auch das Zeichen der abgewiesenen Liebe von Menschen, Gottes Liebeskummer.

Aber wie schafft man das, auf Dauer so zu lieben wie Christus, für den Anderen da zu sein, geduldig zu bleiben, Freiheit zu geben und auch die Feinde zu lieben?

Das schafft keiner, nur Christus kann das. Aber wir können es lernen und da hinein wachsen.

Paulus sagt: Wir stehen in einem Kampf. Auf der einen Seite ist die Macht des Bösen, die uns beeinflussen und bestimmen will. Sie macht uns neidisch, eifersüchtig, habgierig, wir hassen, wollen Rache und Genugtuung. Sie sagt: Nur wenn ich mich durchsetze, kann ich glücklich sein.
Auf der anderen Seite ist die Macht des Guten: Gott, wie er uns in Jesus begegnet. Die Macht Gottes füllt uns an mit Liebe, Vertrauen in Gott, befreit uns von Angst und Sorgen, gibt uns eine gute Orientierung, die uns ans Ziel bringt, macht unser Leben nach dem Bild Gottes sinnvoll und erfüllt und schenkt uns eine Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott.
Je nachdem, wem wir Macht über uns geben, wird das unser Verhalten und unsere Gefühle bestimmen.

Für die Liebe, mit der Jesus liebt, brauchen wir die Kraft Gottes, seinen Heiligen Geist.

Was heißt es, wirklich zu lieben?

Der dänsiche Philosoph und Theologe, Sören Kirkegaard, antwortet auf die Frage: Was heißt es einen anderen zu lieben? Einen anderen zu lieben, heißt, ihm zur Gottesliebe zu verhelfen – und geliebt werden, heißt, dass einem dazu geholfen wird.

Richtig geliebt werden heißt, zur Quelle der göttlichen Liebe geführt zu werden, und richtig zu lieben heißt, andere Menschen zu dieser Quelle zu führen.

Deshalb müssen wir mit der vollkommenen Liebe, mit Jesus Christus verbunden sein.

Er kann mit seiner vollkommenen Liebe unsere Sehnsucht wirklich stillen. Bei ihm finden wir Halt, Wert, Geborgenheit, Angenommen sein wie ich bin und alles, was sein eigenes Wesen ausmacht. So brauchen wir keine Angst haben, dass wir selbst nicht genug bekommen. Er ist eine ständige sprudelnde Quelle der Liebe für unsere Liebe. Dann sind wir frei, nicht zu erwarten, sondern zu geben.

Mit Jesus als Quelle können wir hoffen, dass unsere Liebe immer stärker wird. Bei ihm können wir lernen, was es heißt, zu lieben.
Mit Jesus werden wir nicht gleich perfekt sein, aber als Jünger Jesu haben wir die Chance, zu lieben und ein Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt zu geben, in allen Bereichen unseres Lebens.

Predigt zu Johannes 15, 9 – 12