Predigt zu Lukas 10, 38-42 am Sonntag Estomihi

 Es kann viele wichtige Dinge geben, aber nur eines kann das Wichtigste sein! Was ist dies eine für Sie?

Vielleicht kennen Sie dieses Spiel: 10 Personen sitzen mit ihrem Gepäck in einem Schlauchboot, um von einem sinkenden Schiff ans rettende Ufer zu kommen. Doch die Last im Boot ist zu schwer. Jeder darf nur eine Sache behalten, der Rest muss über Bord geworfen werden. Was würden Sie behalten: ein Buch, das I-Phon, das Notebook, die Bibel oder was?

Und nun stellen Sie sich diese Frage für Ihr Leben vor: Von allem, was Sie haben, sollen Sie auswählen: Was ist Ihnen am Wichtigsten?  

Was würden Sie auf jeden Fall behalten wollen und nicht hergeben: Familie, Beruf, Anerkennung, Freunde, Geld, Kirche, Glaube, die eigene Schaffenskraft, Gesundheit oder …? Über diese Frage kann man auch nachdenken, wenn es um eine Kirchengemeinde oder die ganze Kirche geht: Geld, Gebäude, Bibel, Jesus, Aktivitäten, Beziehung in den Gruppen, etc.. Aber wir wollen bei unserem Leben, bei uns bleiben. Gott sei Dank, brauchen wir uns in der Regel diese Frage nicht zu stellen. Meistens können wir alles oder sehr vieles schön nebeneinander haben.  Aber dennoch ist diese Frage viel entscheidender für uns als wir allgemein annehmen. Denn selbst wenn wir darüber bewusst keine Entscheidung gefällt haben, so handelt jeder in seinem täglichen Leben nach einer Prioritätenliste, die er in seinem Hinterkopf hat, die darüber entscheidet, was wichtiger und weniger wichtiger ist und was ganz oben steht.

Die Geschichte von Maria und Martha stößt uns auf diese Frage: 

38 Als Jesus mit seinen Jüngern weiterzog, kam er in ein Dorf. Dort nahm ihn eine Frau namens Marta gastlich auf. 39 Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die setzte sich zu Füßen des Herrn nieder und hörte ihm zu. 40 Marta dagegen war voll damit beschäftigt, das Essen vorzubereiten. Schließlich trat Marta vor Jesus hin und sagte: »Herr, kümmert es dich nicht, dass mich meine Schwester die ganze Arbeit allein tun lässt? Sag ihr doch, dass sie mir helfen soll!« 41 Der Herr antwortete ihr: »Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und verlierst dich an vielerlei, 42 aber nur eins ist nötig. Maria hat die richtige Wahl getroffen. Sie hat sich für ein Gut entschieden, das ihr niemand wegnehmen kann.«

Früher habe ich mich manchmal darüber geärgert: Unterstützt Jesus hier nicht die Faulheit?

Brauchen wir in der Kirche und in der Gesellschaft nicht viel mehr aktive Leute? Was hat Jesus gegen Marthas Verhalten?  Sie tut etwas, sogar noch für Jesus. Sie Ist gastfreundlich und erledigt, was getan werden muss. Eigentlich ist ihr Verhalten doch vorbildlich und sehr christlich. Wenn ich Sie fragen würde, was ist Gottes Wille an uns? Worin besteht ein christliches Leben? Was würden Sie antworten? Die meisten antworten: nach den 10 Geboten leben, das Doppelgebot der Liebe beachten, sich um Kranke kümmern, das Evangelium weiter sagen, etc..

Was ist also falsch an Marthas Verhalten und was macht Maria besser?

Wir müssen genau hinsehen. Jesus sagt nicht: Martha hat Schlechtes getan, sondern Maria hat das Bessere gewählt. Im Vergleich mit vielen anderen Menschen hätte Martha wahrscheinlich gut abgeschnitten. Nehmen wir einmal an, dass das, was Martha tut, das Zweitbeste und Zweitwichtigste ist, was ist dann das Bessere, also das Wichtigste, was Maria tut?

Die Antwort ist: Wir sollen Gott etwas tun lassen in unserem Leben, ihn wirken lassen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen mit dem Titel „Gottes Willen erkennen und tun”. Es beginnt die Aufzählung mit „Empfangen”. Was Gott uns sagen und geben will, sollen wir einfach empfangen. Wenn es zum Beispiel um das Wort Gottes geht, dann ist das nicht nur eine Meinung, mit der wir uns beschäftigen und eventuell umsetzen können, sondern Gottes Wort wirkt. Was Gott sagt, passiert. Immer wenn wir Gottes Wort auf uns wirken lassen, passiert etwas in unserem Leben.  Genauso ist es mit dem Gebet. Wenn wir uns im Gebet in Gottes Gegenwart begeben und uns für ihn öffnen, dann wirkt Gott an uns und durch uns, und zwar ohne unser Zutun.

Damit haben wir aber oft unser Problem:

Wir meinen, wenn es darum geht, ein Problem zu lösen, etwas aufzubauen im Leben, das Leben selbst, Beziehungen oder die Zukunft zu gestalten, dann halten wir das, was wir tun, für das Wichtigste. Gott kann vielleicht helfen, aber wirklich wichtig ist das, was wir tun. Ich habe es in der Seelsorge oft erlebt: Wenn Menschen das Gefühl hatten, in ihren Problemen und in ihrem Chaos zu versinken, dann haben sie eher auf das vertraut, was sie selbst oder andere tun können, als auf das, was Gott bewirken kann. Sie konnten es nicht glauben, dass die Beschäftigung mit dem Wort Gottes oder das Gebet wirklich dafür geeignet ist, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Dabei liegt meistens für uns das größte Problem darin, dass wir die Quelle verloren haben, aus der wir Kraft schöpfen; dass uns die Mitte fehlt, von der wir Ruhe und Orientierung bekommen; dass uns ein Halt fehlt, von dem wir wissen, er kann nicht zerbrechen. Jesus sagt: das bekommt ihr bei mir!

Nochmal: Jesus sagt nicht, dass unser Tun unwichtig ist, aber er macht deutlich:

Wenn unser Tun nicht aus der Quelle Gottes die Kraft bekommt, ohne die innere Ruhe und die gute Orientierung und ohne ein festes Fundament geschieht, dann ist unser Tun purer Aktivismus, dann sind wir wie Ertrinkende, die durch panische Schlagen mit den Händen noch schneller untergehen; dann wird am Ende von unserem Tun nichts übrig bleiben und auch wir selbst werden vergehen. Deshalb sagt Jesus: „Nur eins ist nötig. Maria hat die richtige Wahl getroffen. Sie hat sich für ein Gut entschieden, das ihr niemand wegnehmen kann.“  Sie lässt Gott etwas tun, gibt Jesus Raum in ihrem Leben, um zu wirken.

Mit dieser Aussage Jesu kommen wir nun auf zwei Fragen, die jeder von uns für sich beantworten muss:

  1. Glaube ich Jesus? Glaube ich ihm,

dass für meine Herausforderungen, meine Probleme, meine Familie, meine Zukunft, usw. sein Wirken an mir wichtiger ist als mein Tun. Oder glaube ich ihm nicht? Glaube ich ihm, dass ich bei ihm Quelle, Mitte und Halt für mein Leben finde oder nicht? Sagt er die Wahrheit oder lügt er?

  1. Wenn ich ihm glaube, welche Auswirkungen hat das auf mein Leben, darauf, wie viel zeitlichen Raum ich Jesus gebe, damit er in meinem Leben wirken kann?

Predigt zu Lukas 10
Foto: Martina Heins

Wenn es um Zeit geht, werden Menschen ganz nervös. Dann heißt es oft: Weißt du eigentlich, wie viel ich zu tun habe. Ich habe dafür keine Zeit. Sagen wir das auch, wenn es ums Essen oder ums Atmen geht? Wie viel mehr sollte das gelten, wenn es um die seelische Nahrung geht. Deshalb hat Gott uns den Sonntag als Ruhetag geben. Andere denken: Jetzt soll ich noch mehr tun, noch eine Pflicht. Ich schaffe das nicht. Aber es geht gerade nicht darum, mehr zu tun, sondern Gott etwas tun zu lassen.
Als ich junger Pastor war, sagte mir ein erfahrener Pastor: je mehr du zu tun hast, desto mehr musst du beten. Ich habe es damals nicht verstanden, aber heute weiß ich, dass er recht hat.
Und ich habe erfahren, dass ich dann die Arbeit mit mehr Ruhe und Kraft angehen kann und letztlich auch noch mehr schaffe.

Überlegen Sie doch einmal, welche Rolle spielt das in Ihrer Zeitplanung, dass Gott an Ihnen und durch Sie wirken will, und für wie wichtig halten Sie das?

Predigt zu Lukas 10, 38-42