Predigt zu Hesekiel 34, 1-5 und 17 – 21 und V 11 – 16 und 23 am Sonntag Misericordias Domini

Welche Bedeutung hat es für Sie, ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu Gott zu haben, für Sie selbst, für andere und für die Gesellschaft?

Im öffentlichen Bewusstsein spielt diese Frage kaum eine Rolle. Für die meisten Menschen ist die Beschäftigung mit der Beziehung zu Gott eher eine verzichtbare Nebenaufgabe, die sich in einer privaten Nische abspielt, und die nur interessant ist für religiös orientierte  Menschen. Man sieht das zum Beispiel auch am Stellenwert des Religionsunterrichts an Schulen und auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens.

In der ganzen Bibel ist das anders: Das intakte Verhältnis zu Gott ist die zentrale Aufgabe für das ganze Leben jedes Einzelnen und für die ganze Gesellschaft.

Für die Bibel ist klar: wenn die Menschen in einem intakten Verhältnis zu Gott leben, auf Gott hören und danach leben, dann hat das Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen und des ganzen Volkes; dann wird all das, was der Mensch braucht an Liebe, Gerechtigkeit, Frieden, aber auch an den materiellen Bedürfnissen in ausreichendem Maße für alle vorhanden sein. Umgekehrt beschreibt besonders das Alte Testament, was passiert, wenn die Beziehung zu Gott nicht in Ordnung ist. Beispielhaft wird das erzählt in den ersten 11 Kapiteln der Bibel, der sogenannten „Urgeschichte“. Gott wollte, dass alles gut, sogar sehr gut ist, und so hat er die Welt geschaffen, aber dann sind die Menschen eigene Wege gegangen. In den weiteren Mosebüchern, dem Richterbuch,  Samuel, den Königsbüchern und den Propheten geht es immer wieder um dieses Thema. Immer wieder wiederholt sich die Geschichte, dass das Volk sich von Gott abwendet und es dadurch zu Bedrohungen, Ungerechtigkeiten und Leid für Einzelne oder das ganze Volk kommt. Die Geschichte gipfelt in der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im 6. Jahrhundert vor Christus. Deshalb ist für die Bibel das intakte Verhältnis zu Gott keine Nischenbeschäftigung, sondern die zentrale Aufgabe für das ganze gesellschaftliche und private Leben.

Zuständig dafür waren in erster Linie die Oberen des Volkes.

Sie mussten dafür sorgen, dass das Verhältnis von Gott zum Volk und vom Volk zu Gott in Ordnung, heil ist. Im Alten Testament waren das die Priester, Könige, Richter, die Regierenden, die sogenannte Oberschicht. Sie sind stellvertretend für Gott die Hirten des Volkes, die dafür sorgen müssen, dass das Volk richtig geführt, beschützt und versorgt wird. Neben der Grundversorgung an materiellen Gütern gehörte auch Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Selbstwertgefühl und Sicherheit dazu. Es sollte nicht nur da sein für einige herausgehobene Personen des Volkes oder für einen gewissen Zeitraum, sondern für alle und zu jeder Zeit, auch in Zukunft.

Doch in unserem Abschnitt kündigt Gott radikale Veränderungen an. Hesekiel 34, 1–5 + 17-21

1 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte: 2 »Du Mensch, kündige den führenden Männern in Israel das Strafgericht an. Sag zu ihnen: ‚So spricht der HERR, der mächtige Gott: Weh euch! Ihr seid die Hirten meines Volkes; aber anstatt für die Herde zu sorgen, habt ihr nur an euch selbst gedacht. 3 Die Milch der Schafe habt ihr getrunken,  aus ihrer Wolle habt ihr euch Kleider gemacht und die besten Tiere habt ihr geschlachtet. Aber für einen guten Weideplatz habt ihr nicht gesorgt. 4 War ein Tier schwach, so habt ihr ihm nicht geholfen; war eins krank, so habt ihr es nicht gepflegt. Wenn eins ein Bein gebrochen hatte, habt ihr ihm keinen Verband angelegt. Die Verstreuten habt ihr nicht zurückgeholt, die Verlorengegangenen nicht gesucht. Alle Tiere habt ihr misshandelt und unterdrückt. 5 Weil meine Schafe keinen Hirten hatten, verliefen sie sich und fielen den Raubtieren zur Beute.
17 Ihr aber, meine Herde, sollt wissen: Ich selbst, der HERR, der mächtige Gott, sorge jetzt für Recht; ich nehme die schwachen Tiere vor den starken in Schutz. Ihr Widder und Böcke, 18 ist es euch nicht genug, das beste Gras zu fressen? Warum zertrampelt ihr den Rest? Ist es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken? Warum wühlt ihr auch noch den Schlamm vom Grund auf? 19 Meine Schafe müssen fressen, was ihr zertrampelt habt, und trinken, was ihr verschmutzt habt. 20 Darum sage ich, der HERR, der mächtige Gott: Jetzt werde ich selbst die schwächeren Tiere vor euch starken in Schutz nehmen! 21 Ihr habt sie mit Schulter und Hinterteil beiseite gedrängt, mit euren Hörnern gestoßen und weit von der Herde weggetrieben.

Der Vorwurf lautet:

Sie haben sich nicht zuerst um die Herde gekümmert, denen geholfen, die Hilfe brauchen, sondern sie haben sie ausgebeutet, sich um sich selbst gekümmert, ihren eigenen Vorteil gesucht und die Herde vernachlässigt. Der eine gönnt dem anderen nichts, die Lebensgrundlage für andere wird zerstört und die Starken setzen sich rücksichtslos gegen die Schwachen durch.

Diese Kritik kann man heute wiederholen. Die Krise Europas und viele Krisen in der Welt hängen damit zusammen.

Aber wir sollten nicht zu schnell auf andere zeigen, weil wir uns selbst fragen müssen, wo stehen wir: auf der Seite der Starken oder der Schwachen; die Verantwortung übertragen bekommen haben oder um die man sich kümmern muss? Wie oft tun wir das selber, was hier den Oberen des Volkes vorgeworfen wird, und stehen somit auch unter dem Urteil Gottes. Können wir uns das heute vorstellen, dass die Ursache vieler Krisen das verlorengegangene Verhältnis zu Gott ist, und dass das Folgen für das eigene Leben und die Gesellschaft hat?

Doch nun kommt die eigentlich Botschaft: Gott macht einen Neuanfang: V 11 – 16 + 23

11 ‚Der HERR, der mächtige Gott, hat gesagt: Ich selbst will jetzt nach meinen Schafen sehen und mich um sie kümmern. 12 Wie ein Hirt seine Herde wieder zusammensucht, wenn sie auseinander getrieben worden ist, so suche ich jetzt meine Schafe zusammen. Ich hole sie zurück von allen Orten, wohin sie an jenem unheilvollen Tag vertrieben wurden. 13 Aus fremden Ländern und Völkern hole ich sie heraus; ich sammle sie und bringe sie in ihre Heimat zurück. Die Berge und Täler Israels sollen wieder ihr Weideland sein. 14 Ich lasse sie dort auf saftigen Wiesen grasen; auf den hohen Bergen Israels sollen sie ihre Weide finden und sich lagern. 15 Ich will selber für meine Herde sorgen und sie zu ihren Ruheplätzen führen. Das sage ich, der HERR, der mächtige Gott. 16 Ich will die Verlorengegangenen suchen und die Versprengten zurückbringen. Ich will mich um die Verletzten und Kranken kümmern und die Fetten und Starken in Schranken halten.  Ich bin ihr Hirt und sorge für sie, wie es recht ist.
23 ‚Ich setze über meine Herde einen einzigen Hirten ein, der sie auf die Weide führen und für sie sorgen wird: einen Nachkommen Davids, der meinem Diener David gleicht. Er wird ihr Hirt sein

Gott selber will sich darum kümmern. Er verheißt, stellvertretend für sich, einen guten Hirten.

Das erfüllt sich in Jesus.

Er ist der gute Hirte, so wie es besonders eindrucksvoll im Johannesevangelium, Kapitel, 10, die Verse 11-16 und 27-30 beschrieben wird.
Doch was ist jetzt? Können wir uns jetzt zurücklehnen und Gott für alles die Verantwortung geben?

Der muss jetzt alles in Ordnung bringen: für mich, für die Familie, für die Freunde, für Menschen in Afrika, Asien, Amerika, usw.. Er muss dafür sorgen, dass alle ein erfülltes Leben haben, denn er ist ja der gute Hirte. Und wenn wir uns so zurücklehnen, Gott die Verantwortung zuschieben und sein Handeln beurteilen, dann kommen wir vielleicht zu dem Ergebnis: Gott macht es genauso schlecht. Es hat sich nichts geändert. Auch Gott ist überflüssig, und der gute Hirte gleich mit. Das ist die Konsequenz, die heute viele Menschen ziehen. Es ist so einfach, Gott und denen da oben die Schuld zu geben und zu misstrauen.
Doch so einfach macht die Bibel uns das nicht! Ja, Jesus sagt:
Ich als guter Hirte kümmere mich um dich; ich kenne dich; Ich gebe dir das ewige Leben; du bist in meiner Hand; du bist unzertrennlich mit mir verbunden. Was Jesus sagt, ist wunderschön! Aber:

Jeder ist nun selber dafür verantwortlich, ein vertrauensvolles und gutes Verhältnis zu Gott zu haben und in dieser Beziehung zu leben.

Keiner kann sich damit entschuldigen, dass die die da oben schlecht sind, oder er mit dem Glauben aufgehört hat, weil er einen schlechten Pastor kennengelernt oder schlechte Erfahrung mit der Kirche gemacht hat, sondern jeder muss selbst seine Beziehung zu Jesus intakt gestalten, sich auf Gott einlassen, Jesus kennenlernen, ihm vertrauen und ihn lieben, auf ihn hören, ihm folgen und danach leben. So heißt es in Johannes 10 über das Verhältnis der Schafe zum Hirten: „Sie kennen mich, sie hören auf mich, sie folgen mir“. Dann führt und leitet Gott uns durch seinen Heiligen Geist, gibt uns alles, was wir für ein erfülltes Leben brauchen, und füllt uns an mit seiner Kraft. Jeder wird dann für den anderen zum Hirten, der sich darum bemüht, dass auch sein Verhältnis zu Gott gut ist und er darin lebt und dass es in der Gesellschaft Gerechtigkeit und Frieden gibt. Keiner ist für die ganze Welt verantwortlich, aber jeder ist verantwortlich für den Bereich, in dem er lebt und wo er mit seinen Gaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten die Welt im Sinne Gottes mitgestalten kann.

Es würde uns gut tun, wenn wir heute das Verhältnis zu Gott nicht in eine Nische abschieben, sondern ins Zentrum des Lebens rücken;

dass wir uns leiten lassen von Jesus und annehmen, was er uns gibt, dass wir daran mitarbeiten, dass es für jeden ausreichend Gerechtigkeit, Frieden und Liebe gibt, und wir so ein bisschen „Paradies“ schaffen.
Das gilt zuerst für das Leben in der christlichen Gemeinschaft, dass wir uns alle gemeinsam darum bemühen, das Verhältnis zu Gott intakt zu gestalten; dass wir alle füreinander gute Hirten sind, die nicht ihren eigenen Vorteil suchen, sondern füreinander da sind?  Und dann können wir es von hier ausstrahlen in die Gesellschaft.
Die Quelle der Erneuerung unseres Lebens und unserer Gesellschaft liegt nicht in sozialen Programmen, psychologischen Erkenntnissen oder in der Wissenschaft, sondern bei Jesus.

Mehr Jesus würde uns, der Kirche, der europäischen Gesellschaft, der Welt gut tun.

Predigt zu Hesekiel 34, 1-5 und 17 – 21 und V 11 – 16 und 23