Predigt zu Lukas 11, 5-13 am Sonntag Rogate

5 Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Was verbinden Sie mit dem Gebet und welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Es wäre sicher sehr interessant, wenn wir uns jetzt einige Zeit darüber austauschen würden, über unsere Erlebnisse mit dem Beten, die  Erfüllung von Bitten und vielleicht auch über Enttäuschungen, wenn unsere Bitten nicht erfüllt worden sind.
Vielleicht ist ihnen das Gebet aber auch weitgehend fremd und sie beten nur in besonderen Situationen, wenn sie in Not sind, aber sonst eher nicht.
Vielleicht sagen sie auch: Ich bete immer, es ist mir eine Gewohnheit, aber von besonderen Erlebnissen mit dem Gebet kann ich nichts sagen.

Die Erfahrungen mit dem Beten sind sicherlich sehr unterschiedlich, aber wenn wir fragen, was das Gebet ist, dann wird die Meinung überwiegend einheitlich sein:

Beten ist Reden mit Gott in dreifacher Weise, so heißt es häufig. Im Gebet bitten wir Gott um Dinge, die wir für uns oder andere für wichtig halten und gerne von Gott hätten; im Gebet danken wir Gott, wenn Bitten in Erfüllung gegangen sind und für sonstige schöne Dinge des Lebens; und manchmal loben wir Gott, dass er so gut ist.
So habe ich auch lange das Gebet verstanden und es in den ersten Jahren als Pastor meinen Konfirmanden vermittelt. Genauso stand es auch in Lehrbüchern zum Konfirmandenunterricht.
Heute denke ich, dass das Gebet mehr ist als nur Bitte, Dank und Lob. Es ist die Begegnung mit Gott selbst, der direkte Zugang zum himmlischen Vater.

Stellen Sie sich vor, Ihr Leben spielt sich in einem großen Raum mit vielen Türen ab.

Hinter jeder Tür verbirgt sich in einem Zimmer etwas, was wir für unser Leben wichtig halten und gerne haben möchten, zum Beispiel Gesundheit, Liebe eines Menschen, Freundschaft, Erfolg, Freude am Leben, Frieden in der Welt, lebendige Gemeinde, Beseitigung von Problemen, Zuversicht. Einige Türen sind offen, das heißt, dass ich ich an das, was ich mir wünsche herankomme.  Andere Türen dagegen sind verschlossen. Was ich haben möchte, kann ich nicht erreichen. Welche Türen offen oder verschlossen sind, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.
Da ich aber auch das haben möchte, was ich aus eigener Kraft nicht erreichen kann, fange ich an zu beten. Ich rufe zu einem fernen Gott, der außerhalb meines Raumes ist und bitte ihn: Herr öffne mir diese Tür, öffne mir jene Tür, weil es für mich wichtig ist. So beten Sie vielleicht auch. Wenn sich dann Türen öffnen, sind wir froh und dankbar. Dagegen sind wir traurig und enttäuscht, wenn Gott nicht tut, worum wir ihn gebeten haben. Im Rückblick sind dann das unsere Erfahrungen mit dem Gebet.

Ist das falsch, darum zu bitten?
Nein, denn Gott erlaubt uns, um alles und jedes zu bitten, mit jedem Anliegen zu ihm zu kommen. Dazu werden wir auch in unserem Abschnitt ermutigt. Falsch ist das nicht.

Aber das Gebet ist mehr: In dem Raum ist eine Tür, und wenn ich da anklopfe, dann geht sie auf. Es ist die Tür zum himmlischen Vater.

Diese Tür ist viel wichtiger als alle anderen Türen. Im Gebet öffnet sich diese Tür und wir haben freien Zugang zu Gott, unserem himmlischen Vater. Beten ist mehr als nur das Reden in Richtung eines fernen Gottes. Das Gebet im Namen Jesu ist die Begegnung mit dem himmlischen Vater. Ob die anderen Türen offen oder verschlossen sind, das ist interessant, aber wichtig ist, dass diese Tür offen ist.

So erhält das Gebet seinen Wert nicht dadurch, dass Gott mir viele Bitten erfüllt, viele Türen öffnet, sondern dass diese eine Tür offen ist und ich ganz nah bei ihm sein kann.

Diese Tür steht offen. Ich kann durch sie hindurchgehen und bei Gott, bei meinem himmlischen Vater sein. Das ist großartig.
In unserer Geschichte ist die Tür zum Freund zunächst verschlossen.
Die Tür ist nur offen, wenn es ihm gelegen ist und für wen er sie öffnen will. Die Tür zum himmlischen Vater ist aber immer und für jeden geöffnet. Jesus hat diese Tür für uns geöffnet und jeder, der sich zu Jesus hält, kann immer durch diese Tür hindurchgehen.

Und nun stelle ich mir vor, dass ich dann zu Füßen meines himmlischen Vaters sitze. Dort kann ich …

… ihm alles erzählen aus meinem Leben,

was gewesen ist, was schön war oder nicht, wo ich versagt habe oder Erfolg hatte, was ich vorhabe. Ich erzähle ihm von den Türen, die er geöffnet hat, dass ich mich darüber freue, von den Türen, die verschlossen sind, und ich würde mich freuen, wenn er sie öffnen würde, aber wichtig und schön ist, dass ich bei ihm sein kann. Das andere ist zweitrangig.

… ihm zu Füßen sitzen und mich richtig ausruhen,

durchatmen, mich hängen lassen, die Seele baumeln lassen, denn er verurteilt mich nicht. Ich muss keine Maske aufsetzen und Haltung bewahren. Bei ihm kann ich so sein, wie ich bin, und mich ausruhen und auftanken. Das erwarten wir oft von Menschen. Wir sehnen uns nach dieser Ruhe, aber die kann kein Mensch uns geben. Die gibt es nur bei Gott. So können wir bei ihm auftanken, um dann für die Herausforderungen des Lebens neue Kraft zu bekommen. Das ist schön!

… still sein und hören, was er mir sagen will.

Wenn ich nur rede, wie will ich dann hören, was er sagt. Er korrigiert mich, spricht mir Mut zu und sagt mir, wie wichtig ich für ihn bin. In der Stille werde ich wieder aufgebaut und angefüllt mit seiner Kraft.

werde ich verändert.

Ich werde frei von meinen Sorgen, davon, dass ich die Türen für so wichtig halte, gegen verschlossene Türen renne und meine, dahinter würde sich das Leben verbergen. Bei ihm empfange ich seinen Geist und lerne so alles mit seinen Augen zu sehen: mein Leben, und was er darin für wichtig hält, den anderen, die Welt, die Kirche. Ich werde frei von mir selbst, von meinen Bedürfnissen, frei dafür alles mit den Augen Gottes zu sehen.

So ist das Gebet selbst ein Erlebnis mit Gott.

Das, was er uns dann noch alles schenkt, dass er uns viele Türen öffnet, viele Dinge schenkt, um die wir ihn gebeten oder auch gar nicht gebeten haben, das ist noch ein zusätzliches Wunder und Grund zum Danken und Loben. Und wenn schon der Freund, bei dem die Tür verschlossen war, schließlich doch die Bitte erfüllt, wie viel mehr wird unser himmlischer Vater uns das geben, was wir brauchen. Er wird nicht jeden Wunsch erfüllen, aber uns das geben, was gut für uns ist.

Aber das Eigentliche ist das Gebet selbst, die Begegnung mit unserem himmlischen Vater.

Diese Tür steht jedem offen, nicht nur ein paar im Beten geübten Christen, sondern jedem, der sich zu Jesus hält, so wie er ist.

Gott öffnet uns die Tür, jedem, der anklopft! Sollten wir diese Möglichkeit nicht immer wieder nutzen:

jeder für sich in der Stille oder immer zwischendurch im Laufe des Tages mitten in unseren alltäglichen Beschäftigungen; als Gemeinde im Gottesdienst, in den Kreisen und Gruppenoder in besonderen Gebetstreffen, um bei ihm alles abzuladen, ihm alles zu erzählen, bei ihm auszuruhen, auf ihn zu hören und sich bei ihm verändern und erneuern zu lassen.

Gott öffnet jedem die Tür! Gehen wir doch hindurch.

Predigt zu Lukas 11, 5-13