Missionarische Gemeinde
Siehe auch: Mission – worum es geht!
1. Einleitung
Kann eine Gemeinde auch nicht-missionarisch sein?
Nach meinem Verständnis der biblischen Botschaft ist die christliche Gemeinschaft vom Ursprung her ein Werkzeug Gottes für seine Bewegung zu den Menschen in der Welt. Dafür hat er Jesu gesandt und setzt sie fort durch die Christen, bzw. die christliche Gemeinschaft. Ohne diese Teilhabe an der Bewegung Gottes zu den Menschen verfehlt die Gemeinde ihren Sinn und wird früher oder später innerlich und äußerlich ausdörren und absterben. Die Notwendigkeit missionarischen Gemeindelebens ergibt sich aber nicht aus dem Druck sinkender Mitgliederzahlen, sondern hat einzig ihren Grund in der Sendung und im Auftrag Jesu. Worum es bei Mission und missionarisch geht, dazu lesen Sie bitte auch die beiden oben genannten Artikel.
Deshalb geht es in diesem Artikel um den Sinn christlicher Gemeinde und um das Ziel christlicher Gemeindearbeit, bzw. christlichen Gemeindelebens.
Wer jetzt fertige Konzepte oder Gemeindeaufbaumodelle erwartet, den muss ich enttäuschen, denn jede Gemeinde ist unterschiedlich, lebt in einem speziellen Umfeld mit einzigartigen Menschen. Und so wird auch die Art und Weise, wie eine Gemeinde missionarisch lebt, von Gemeinde zu Gemeinde variieren können. Wichtig ist, dass Gemeinden den missionarischen Auftrag im Herzen tragen und dann für sie passende Formen entwickeln, wie sie ihn leben wollen.
2. Gemeinschaftliche Sendung
Eine Gemeinde ist
kein Wohlfühlverein, auch wenn es schön und wünschenswert ist, sich in einer Gemeinde wohl zu fühlen. Eine Gemeinde ist kein Sympathieclub, auch wenn es schön und wünschenswert ist, in einer Gemeinde viele sympathische Mitchristen zu finden. Eine Gemeinde ist kein Ort der Selbstverwirklichung, auch wenn es schön und wünschenswert ist, wenn sich in einer Gemeinde entsprechend seinen Gaben verwirklichen kann. Eine Gemeinde ist zuallererst ein Werkzeug Gottes und seines Heiligen Geistes, um seine in Jesus begonnene Sendung zu den Menschen fortzusetzen.
Jeder einzelne Christ kann durch sein Tun und Reden missionarisch leben und ein Licht für die Welt sein,
wie es Jesus in Matthäus 5, 14-16 sagt: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. 16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Wenn aber mehrere Christen in einer Gemeinschaft zusammenkommen, sind sie nicht nur viele einzelne „Lichter“, sondern
gemeinsam werden sie zu einem großen „Licht“ mit einer verstärkten Ausstrahlung und missionarischer Kraft.
Ihre gemeinsame Ausstrahlung hängt davon ab, ob spürbar ist, was ihre Basis ist, was sie vereint und was sie leben. Jede Gemeinde muss sich fragen, was sie ausstrahlt, zum Beispiel einen innerkirchlichen „Zirkel“, eine politische Meinung, eine bestimmte Moral oder die befreiende Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus. Wenn es nicht das Evangelium ist, verdeckt sie das von Gott gegebene „Licht“ und wird zum Hindernis zwischen Gott und Menschen.
Verstärkt wird die Sendung als Gemeinde auch dadurch, dass es in einer Gemeinde verschiedene Charaktere mit ganz unterschiedlichen Gaben gibt.
Wenn sich alle in ihren Gaben und Leidenschaften mit ihrer Leuchtkraft ergänzen wird daraus ein großes „Licht“. Gaben und Charaktere dürfen nicht gegeneinander ausgespielt oder unterschiedlich bewertet werden. Durch gegenseitige Ergänzung werden sie zu einer größeren missionarischen Kraft. Eine Gemeinde sollte ihr Gemeindeleben nicht von fertigen Konzepten leiten lassen, sondern ausgehend von den vorhandenen Charakteren und Gaben eigene Wege für ihren missionarischen Auftrag entwickeln.
Damit Christen ihren missionarischen Auftrag erfüllen können, müssen sie immer wieder im Glauben gestärkt und für ihren Dienst geschult werden.
Wenn sie in ihrem Dienst nur beansprucht und gefordert werden, werden sie nach einiger Zeit ausgelaugt und müde sein. Deshalb sind Orte, in denen sie „auftanken“ können, indem sie sich gemeinsam mit Gottes Wort beschäftigen, beten und im Glauben wachsen können, unbedingt erforderlich. Ebenso wichtig ist die Schulung von Mitarbeitern, damit sie ihre Gaben entfalten und sich entsprechend ihrer Gaben an der gemeinschaftlichen Sendung in die Welt beteiligen können.
Eine Gemeinde kann ihren missionarischen Auftrag auf zweierlei Weise erfüllen: durch ihre Ausstrahlung und besondere Aktionen.
Wenn in einer Gemeinde das Evangelium gelebt wird und eine offene einladende Atmosphäre herrscht, werden Menschen das spüren, gerne in die Gemeinde kommen und es anderen weitererzählen. Zum anderen kann die Gemeinde versuchen, durch gezielte Aktionen, Menschen zum Glauben an Jesus und in die Gemeinde einzuladen. Die Art der Aktion hängt von den Menschen in der Gemeinde und von den Menschen ab, die man erreichen will. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. So können Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen und erst dann in die Gemeinde gehen oder sie werden mit in die Gemeinde hineingenommen, um dann Jesus für sich zu erfahren.
Der Gottesdienst ist die Mitte der Gemeinde und der zentrale Ort, an dem eine Gemeinde ausstrahlt, wie sie den Glauben lebt und für welche Inhalte sie steht.
Deshalb muss der Gottesdienst in Form und Inhalt das widerspiegeln. Wenn zum Beispiel im Gottesdienst von der Liebe geredet wird, aber im Miteinander der Gemeinde und gegenüber kirchenfernen Menschen keine Liebe spürbar ist, dann verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. Ebenso ist es, wenn von Gemeinschaft die Rede ist, diese aber nicht erfahrbar ist, oder wenn von den verschiedenen Gaben die rede ist, der Gottesdienst aber nur vom Pastor und Organisten gestaltet werden. Eine missionarische Ausstrahlungskraft erhält der Gottesdienst nur, wenn auch das praktiziert wird, was an biblischer Botschaft verkündigt wird.
3. Menschwerdung der Gemeinde
Notwendig für die Erfüllung des missionarischen Auftrages ist eine „Menschwerdung der Gemeinde“.
Gott hat nicht gesagt: kommt mal nach oben zu mir, damit ich euch meine Einladung sagen kann. Er ist uns auch nicht auf halben Weg entgegengekommen, sondern er ist ganz zu uns in unsere Welt gekommen, indem er in Jesus Mensch geworden ist. Er ist in unsere Lebenswert gekommen und hat unsere menschliche Form angenommen. Wäre Gott im Himmel geblieben oder auf halben Weg stehen geblieben, dann hätte das vielleicht eine Faszination auf uns ausgeübt, aber wir hätten keine Gemeinschaft mit ihm haben können.
Für unser missionarisches Gemeindeleben bedeutet das:
Nicht die Menschen sollen in unsere vielleicht noch so kirchliche oder fromme Kultur kommen, sondern wir gehen zu Ihnen. Auch wenn Teile unserer Kultur vielleicht Faszination ausüben, so werden die Menschen dadurch nicht begreifen, dass Jesus zu ihnen in ihr Leben kommen und Gemeinschaft mit ihn haben will. In der Regel wird unsere Kultur zunächst eher Ängste und Abwehr auslösen und sie somit für das Evangelium verschließen. Wenn wir schon nicht hingehen, wo sie sich befinden, dann müssen wir für sie ein Umfeld schaffen, in dem sie sich wohl und zu Hause fühlen. Das gilt zum Beispiel für unsere Gottesdienstformen, Musikstile, Sprache, Themen und auch für die Raumgestaltung und Gewohnheiten. Dafür müssen wir ihre Lebensgewohnheiten, Wünsche und Sehnsüchte verstehen, entdecken und begreifen, ohne dass wir sie verurteilen, sondern zu verstehen versuchen, welche Sehnsüchte sich dahinter verbergen.
Ohne die „Menschwerdung der Gemeinde“ werden die Menschen die Botschaft, die wir ihnen im Auftrag Jesu bringen sollen, nicht verstehen.
So wie die Menschwerdung Gottes in Jesus Ausdruck seiner Liebe zu uns Menschen war, so ist auch die „Menschwerdung der Gemeinde“ Ausdruck der Liebe der Christen zu den Menschen.
4. Zielorientierte Gemeinde
In jeder Gemeinde gibt es zahlreiche Aktivitäten,
in manchen weniger und in anderen mehr. Ich will nur einige aufzählen: Trauungen, Taufen, Beerdigungen, unterschiedliche Gottesdienste, Chöre, Gesprächskreise, Gemeindefeste, Vortragsabende, Seelsorge, Verwaltung, Vorstand, Arbeitsgruppen, Gemeindebriefausteiler, Technik-Team und viele andere.
Die Frage, die sich dabei stellt, lautet: Geht es in allen Aktivitäten um dasselbe Ziel, oder verfolgt jede Aktivität ihre eigenen Ziele?
Besteht bei allen Aktivitäten das Motiv, an der Sendung Gottes in die Welt teilzuhaben, oder sind die Motive völlig unterschiedlich? Wenn es zum Beispiel Teilnehmer einer bestimmten Aktivität vorrangig darum geht, Anerkennung, Lob und Dank und vielleicht noch Beifall zu erhalten, dann stellt das nicht nur das Motiv der Teilhabe Gottes an der gemeinschaftlichen Sendung infrage, sondern tritt auch in Konkurrenz zu anderen Motiven. Ich will nur ein Beispiel nennen: Ein Chor hat einen „Auftritt“ im Gottesdienst und erhofft sich Beifall, Anerkennung und Dank. Warum werden dann nicht auch andere Dienste im Gottesdienst mit Beifall, Anerkennung und Dank bedacht, wie zum Beispiel das Einsammeln der Kollekte oder das Reinigen der Kirche. Solche für eine christliche Gemeinschaft falschen Motive können schnell zu Eifersüchteleien und Konflikten innerhalb der Gemeinde führen und lenken von der eigentlichen Zielrichtung einer Gemeinde ab.
Jede Aktivität in einer Gemeinde sollte zur Erfüllung des Gesamtauftrages, Gottes Sendung in die Welt fortzusetzen, beitragen.
Innerhalb dieses Gesamtauftrages haben sie unterschiedliche Aufgaben und Funktionen, wenn sie aber dem Gesamtauftrag nicht dienlich sind, kann und soll man sie getrost weglassen. In der Realität sieht es leider oft so aus, dass verschiedene Aktivitäten beziehungslos oder sogar konkurrierend nebeneinander existieren. Es ist offensichtlich, dass auf diese Weise keine einheitliche Ausstrahlung in die Welt erfolgen kann.
Jede Aktivität in einer Gemeinde ist ein Baustein zur Erfüllung des Gesamtauftrages, Gottes Sendung in die Welt fortzusetzen.
Die christliche Gemeinde ist der „Leib Christi“ mit ganz unterschiedlichen Gaben, die sich aber alle gegenseitig ergänzen und in ihrem Dienst für den Aufbau des „Leibes“ unterstützen, damit sie gemeinsam den Auftrag Christi erfüllen, wie Paulus es zum Beispiel in Römer 12, 1. Korinther 12 und Epheser 4 beschreibt. So wie jeder Christ mit seinem speziellen Charakter und seinen besonderen Gaben als Teil des Leibes Christi seinen Beitrag zur Erfüllung des Auftrages gibt, so soll auch jede Aktivität der Gemeinde ein Baustein sein, das andere Aktivitäten für den gemeinsamen Auftrag unterstützt und ergänzt.
Alle müssen gemeinsam das Ziel haben, Jesu Sendung in die Welt fortzusetzen und Menschen im Namen Jesu zur ewigen Gemeinschaft mit Gott einzuladen.
Auf diese Weise kann die Gemeinde missionarisch leben und die Gegenwart Jesu in ihr ausstrahlen. Es geht eben nicht um den Erhalt oder die Vergrößerung einer Gruppe, der Gemeinde oder der Kirche, sondern darum, dass jede Gruppe, jede Aktivität, jede Gemeinde und die Kirche als Ganzes ein Werkzeug Gottes im Dienste Jesu Christi ist, um an dem Anliegen Jesu mitzuwirken und sich an seiner Sendung zu orientieren.
5. Notwendige Veränderungen
Von dieser Zielsetzung her müssen Formen und Inhalte des Gemeindelebens überprüft und infrage gestellt werden.
Dabei werden wir feststellen, dass wir manches getrost weglassen können, anderes intensiveren oder ganz neu aufbauen müssen. Weglassen können wir zum Beispiel Dinge, die nur noch aus Tradition vorhanden sind oder der Bequemlichkeit oder anderen Zielen dienen. Wir sollten mutig alles weglassen, was sich nicht als ergänzender und unterstützender Baustein zur Erfüllung des Auftrages Jesu dient. Das würde auch manche Kräfte für wesentlichere Aktivitäten freisetzen. Andere Aktivitäten müssen eventuell umgestellt und mit dem Ziel entsprechenden Inhalten gefüllt werden.
Die Richtung der Veränderung entscheidet sich
nicht am „Zeitgeist“ oder an dem, was aktive Gemeindeglieder oder „Kirchenferne“ wünschen, sondern an der biblischen Botschaft mit Jesus als dem Herrn der Gemeinde. „Modern“ sein und bei den Menschen „gut ankommen“, bedeutet noch nicht eine missionarische Gemeinde zu sein. Entscheidend bleibt immer, dass die Botschaft Jesu im Mittelpunkt steht, nicht als Moral, sondern als befreiendes und errettendes Evangelium.
Für die Gestaltung des Gemeindelebens ist die Frage entscheidend, welche Inhalte und Formen sind für Menschen innerhalb und außerhalb der Gemeinde angemessen, damit sie die Botschaft Jesu verstehen, aufnehmen und daraus leben können.
Christen, die für ihren Dienst für Jesus in der Gemeinde oder im privaten und beruflichen Leben zugerüstet werden, benötigen andere Inhalte der Botschaft Jesu als Menschen, die mit dem Glauben wenig oder gar nichts anzufangen wissen. Ebenso werden auch die Formen sehr vielfältig sein müssen, je nachdem welche Menschen an einer Aktivität teilnehmen und wen wir erreichen wollen. Mit starr und distanziert ablaufenden traditionellen Gottesdiensten mit schwer singbaren und schwer verständlichen Liedern, die von langsamer und zu hoher und lauter Orgelmusik begleitet werden, kann man sicher keine jungen kirchenfernen Menschen ansprechen. Umgekehrt gibt es Christen, die sich gerade von den alten Kirchenliedern angesprochen fühlen. Hier ist viel Kreativität und Liebe und manchmal auch Kompromissbereitschaft gefordert.
Die grundsätzliche Veränderung beginnt aber
nicht in neuen Formen und Strukturen der Gemeinde, sondern in den Herzen der Christen. Wenn die Herzen angefüllt sind mit Begeisterung für Jesus, Liebe zu Gott und seiner Liebe zu den Menschen, dann entsteht Mut und Bereitschaft zur Veränderung und wird Fantasie und Kreativität freigesetzt. Von da aus entstehen dann neue Gemeindestrukturen und neue Formen des Gemeindelebens, die an die jeweilige Situation angepasst werden. Von außen übernommene Strukturen, Formen und Konzepte werden nicht zu einer Veränderung des Herzens führen, aber veränderte Herzen führen zu neuen Formen, Strukturen und Konzepten.
Das Problem in vielen Gemeinden besteht darin, dass sie den „missionarischen Erfolg“ wünschen, aber sie wollen sich selbst nicht verändern.
Sie möchten, dass Menschen dazukommen, aber sie verharren in alten Einstellungen des Herzens oder in ihnen genehmen Formen und Strukturen des Gemeindelebens. Sie wollen zum Beispiel, dass an den Gottesdiensten mehr Menschen teilnehmen, aber sie denken nicht daran, die Gottesdienste so zu verändern, dass auch andere Menschen darin ihre geistliche Heimat finden können. Aus Bequemlichkeit verharren sie in festgefahrenen Traditionen.
Das wäre alles nicht dramatisch, wenn es hier nicht um das Zentrum unseres Glaubens und der Kirche ginge und um das Heil derjenigen, die noch nicht glauben,
denn Christus ist nicht in die Welt gekommen, um uns in einer religiös wohlfühlenden Bequemlichkeit zu bestätigen, sondern um uns mit der Ewigkeit zu verbinden und damit wir Gottes Ewigkeit in die Welt bringen. Ohne die Liebe Gottes, aus der er heraus in Jesus ganz Mensch geworden ist, und aus der heraus wir „Mensch werden“ sollen, wird eine Gemeinde nicht missionarisch werden können.
6. Quelle für ein missionarisches Gemeindeleben
Dazu schauen wir uns am besten die Apostelgeschichte an, in der die erste missionarische Bewegung beschrieben wird.
Lebten die ersten Christen zunächst noch ängstlich, mutlos und zurückgezogen auf sich selbst, so wurden sie durch die Kraft des Heiligen Geistes aus dieser Selbstisolation herausgerissen. Plötzlich fingen alle an, von Jesus zu reden, und der ungelernte Fischer, Petrus, predigte in aller Öffentlichkeit von Jesus. Nichts war mehr zu spüren von der Angst vor möglichen Gefahren, vor dem Scheitern oder vor den verächtlichen Reaktionen der Zuhörer. Die Ursache für diese Veränderung war die Kraft des Heiligen Geistes.
Im Anschluss an die Predigt von Petrus lesen wir in Apostelgeschichte 2, 42, an welchen konkreten Stellen sich die ersten Christen mit der Kraft des Heiligen Geistes anfüllen ließen:
„Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Die Lehre der Apostel finden wir in der biblischen Botschaft, mit der sie sich intensiv beschäftigten; die Gemeinschaft ist der aus der Liebe Christi geborene liebende Umgang im Miteinander der Gemeinde; das Brotbrechen ist das Abendmahl als gemeinsame Feier mit dem auferstandenen Christus, und das Gebet ist das Aufsuchen der Gegenwart Gottes. Als Versammlung der Gemeinde war das alles zusammen Inhalt der Gottesdienste der ersten Christen und sollte auch in unseren Gottesdiensten zu finden und erlebbar sein.
Ich will hier diesbezüglich von persönlichen Erfahrungen berichten.
Als ich in meiner ersten Gemeinde, es war im Ausland, ankam, erlebte die Gemeinde eine schwere Krise und stand kurz vor der Auflösung. Nach einem gemeinsamen Wochenende mit Mitarbeitern, waren acht Personen bereit, sich intensiv mit diesen vier „Orten“ aus Apostelgeschichte 2, 42 zu beschäftigen und zu lernen, daraus zu leben. Fünf der Mitglieder dieser Gruppe waren über achtzig und drei zwischen sechzig und siebzig. Aus dieser Gruppe heraus entstand ein Aufbruch in der Gemeinde, so dass die Gottesdienste sich veränderten, die Gottesdienstzahlen sich verdreifachten und das Gemeindeleben mit verschiedenen neuen Gruppen bereicherte. In einer anderen Gemeinde, die gerade eine schwere Zeit durchlebt hatte, entstand ein Gebetskreis mit vornehmlich älteren Gemeindemitgliedern. Sie trafen sich jede Woche zum Gebet für die Gemeinde und beschäftigten sich mit dem Wort Gottes. Im Anschluss daran erlebte die Gemeinde eine geistliche Erneuerung mit Veränderung des Gottesdienstes, Zunahme der Gottesdienstteilnehmer, Festigung des Gemeindelebens und zahlreichen neuen Aktivitäten. Abgesehen davon habe ich immer erlebt, dass Gemeinden erneuert und in Bewegung gesetzt wurden, wenn diese vier Punkte aus Apostelgeschichte 2, 42 im Gottesdienst in zeitgemäßen Formen ihren Platz fanden und dort erlebbar waren.
Ohne diese Kraftquelle werden wir nichts bewirken,
wie Jesus in Johannes 15, 5 sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Das geht nur in Verbindung mit Jesus. Die in der Apostelgeschichte beschriebene missionarische Bewegung ist kein starkes Werk einiger Apostel, sondern die Geschichte des Wirkens des Heiligen Geistes durch die Apostel und anderer Christen. Allein die eindeutige Hinwendung zu Jesus und die Anbindung an den Heiligen Geist lässt Gemeinden missionarisch, kraftvoll und lebendig werden.
7. Mut zum Risiko
Wenn durch die Begeisterung für Jesus und der Liebe zu Gott und den Menschen Fantasie und Kreativität freigesetzt werden, Formen und Strukturen neu entstehen und Inhalte der biblischen Botschaft für die jeweilige Situation gesucht werden, dann kann es selbstverständlich passieren, dass nicht sofort alles richtig läuft.
Aus Angst vor Fehlern wird oft in Gesprächen und Sitzungen oft solange überlegt und diskutiert, bis der Zeitpunkt verpasst ist und das, was man überlegt hat, schon wieder überholt ist. Angst aber engt ein und benebelt den Geist. Ängstliche Menschen suchen keine Wege für eine positive Lösung, sondern sie teilen immer nur ihre Bedenken mit, die von ihrer eigenen Angst bestimmt werden.
Liebe macht dagegen mutig.
Wer aus Liebe einen Menschen erreichen will, der wird erfinderisch, er setzt sich der Gefahr des Spottes aus, er sucht nach Wegen, um den anderen zu erreichen, er gibt sein Bestes dafür und er gibt nicht auf, wenn er Fehler gemacht hat. Wir dürfen als Christen auch Fehler machen, wenn es darum geht, aus Begeisterung für Jesus und aus Liebe zu Gott und zu den Menschen, Menschen mit der Botschaft Jesu zu erreichen. Auch hier gilt es, dass wir aus Fehlern lernen. Es ist in jedem Fall viel besser, als aus Angst vor Fehlern oder aus Bequemlichkeit gar nichts zu tun und zu verändern.
Viele Gemeinden verharren in einem „Kernkreis“ von aktiven Gemeindemitgliedern, in dem diese Christen sich wohlfühlen, und hoffen dann, durch besondere Aktivitäten außenstehende Menschen für ihren Kreis zu gewinnen und ihn zu vergrößern.
Das hat aber nichts mit einer missionarischen Gemeinde zu tun. Denn erstens geht es nicht darum eine Gemeinde oder einen „Kernkreis zu vergrößern, sondern es geht darum, Jesus zu den Menschen zu bringen, damit sie hier im Leben und in Ewigkeit in der Gemeinschaft mit Gott leben können. Zweitens soll es nicht darum gehen, dass die Mitglieder des „Kernkreises“ sich wohlfühlen, sondern sie sind nur ein Werkzeug Gottes, damit andere Menschen in der Gemeinde eine geistliche Heimat finden. Dafür sind eine geistliche Erneuerung und eine Bereitschaft zur Veränderung notwendig. Und drittens ist es wichtig, dass der „Kernkreis“ nicht nur unter sich bleibt, sondern hinausgeht in die „Welt“, zu den Menschen, die noch nicht an Jesus glauben, um auf ihren Festen, in ihrem privaten und beruflichen Leben mit allen irdischen Sorgen und Freuden ein Zeugnis von Jesus abzugeben. Der Glaube ruft nicht aus dem Alltag heraus in eine „weltfremde Welt“, in der wir uns als kirchliche Insider wohlfühlen, sondern der Glaube will in den Alltag der Welt und dort wirken.
Jesus hat den Himmel verlassen, um hier auf der Erde unter Sündern zu leben.
Er hat sich nicht von ihnen ferngehalten, wie es die Pharisäer forderten und praktizierten, sondern ist auf sie zugegangen und hat mit ihnen gelebt, um ihnen die rettende Botschaft zu bringen, dass sie bei Gott willkommen sind. Deshalb ist es auch für eine christliche Gemeinde nicht angemessen, wenn sie den Sendungsauftrag nur auf sicherem theologisch und kirchlich anerkanntem Terrain wahrnimmt, sondern es ist notwendig, dass wir um der Sendung Jesu willen und im Vertrauen auf seine Zusagen Neues wagen und uns selbst riskieren. Für Jesus war es auch ein Risiko, das er sogar mit dem Leben bezahlt hat, aber er ist diesen Weg aus Liebe gegangen. Das können und sollen wir auch.
8. Einige praktische Beispiele für ein missionarisches Gemeindeleben
Schulungen von Mitarbeitern:
Zur Schulung von Mitarbeitern in der Gemeinde gehört die methodische und die biblisch-theologische Schulung, denn Mitarbeiter sollen sich für ihren Bereich methodisch weiterentwickeln und die biblische Botschaft besser kennen und verstehen lernen. Unbedingt wichtig ist aber auch die geistliche Schulung, die sich mit der geistlichen Motivation für den Dienst in der Gemeinde beschäftigt und den Mitarbeitern helfen soll, eine vertiefte Beziehung zu Jesus Christus zu leben und zu vertiefen. Es scheint mir so, dass auch in der Ausbildung der hauptamtlichen Mitarbeiter auf letzteres viel mehr Gewicht gelegt werden sollte, zumal eine der zentralen Aufgaben der hautamtlichen Mitarbeiter in der geistlichen Schulung der Mitarbeiter liegen sollte.
Verwaltung:
Jede Verwaltung neigt dazu, zu herrschen statt zu dienen. So entsteht die Gefahr, dass das Leben in der Gemeinde eingeengt statt gefördert wird, aber der Mensch ist nicht für die Verwaltung da, sondern die Verwaltung für den Menschen. Deshalb muss immer wieder überprüft werden, welche Verwaltungsabläufe und -regeln noch dienlich sind. Es sollte der Grundsatz gelten: „So viel wie nötig und so wenig wie möglich.“ Wenn Mitarbeiter, gemeinde- und kirchenleitende Gremien sich zu einem Großteil mit Verwaltungsaufgaben beschäftigen müssen, dann geht das natürlich auf Kosten der inhaltlichen Arbeit, die eigentlich im Vordergrund stehen sollte.
Feste:
Feste der Gemeinde, die zum Ziel haben, kirchenferne Menschen zu erreichen, sollten auch so gestaltet werden, dass kirchenferne Menschen sich da wohlfühlen und einen Rahmen vorfinden, der ihren sonstigen Lebensgewohnheiten entspricht. Die Musik sollte ihrem Stil entsprechen, es darf auch getanzt und geschunkelt werden, Bier, Wein und Wurst können Teil des kulinarischen Angebots sein und bei Freiluftveranstaltungen darf auch geraucht werden. Wenn Gemeindemitglieder einen anderen Lebensstil bevorzugen und gerne grünen Tee trinken und vegetarisch essen, dann dürfen sie das gerne ausleben, aber ein Fest für kirchenferne Menschen ist nicht dazu geeignet, ihnen eine irgendwie geartete Moral aufzuzwingen, sondern ihnen die Botschaft des Evangeliums nahezubringen.
Musik:
„Musik erreicht die Seele“ so sagt man. Das gilt aber nur, wenn es um Musik geht, die dem eigenen Stil entspricht. Bei dem einen gerät zum Beispiel die Seele bei klassischer Musik in Schwingungen, bei anderen ist es eher die Volks- oder Schlagermusik, Gospel- oder Shantymusik. Wenn wir die Seele kirchenferner Menschen erreichen wollen, dann müssen wir einen Musikstil wählen, bei dem ihre Seele in Schwingungen gerät. Wenn es darum geht, die Seele von Menschen zu erreichen, dann gibt es keine Rangliste der Musikstile, sondern nur eine Frage der Angemessenheit. Eine solche Rangliste existiert nur im Bildungsbürgertum, jedoch nicht in der Bibel.
Und noch ein Gedanke: Kirchliche Musiker, Chöre und Orchester sollten bei einer Gemeindeveranstaltung den Begriff „Auftritt“ vermeiden. Auftritt suggeriert, dass dabei der Wunsch nach Anerkennung, Lob und Beifall besteht. Besser ist es von „Mitwirkung“ oder vom „Dienst“ zu reden, da es um den gemeinsamen Auftrag Jesu geht, seine Botschaft in die Welt zu bringen.
9. Persönliche Schlussfolgerung
Wir brauchen eine Reformation, eine vom Heiligen Geist bewirkte geistliche Erneuerung der Kirche, der Gemeinden und des christlichen Lebens, die von der Botschaft Jesu ausgeht.
Wir brauchen Menschen, die sich für das Wirken des Heiligen Geistes neu öffnen und sich geistlich erneuern und verändern lassen. Diese Erneuerung ist notwendig, wenn wir als Gemeinde missionarisch leben wollen. Eine Reform unserer Kirche, die sich an der biblischen Botschaft orientiert, wird wahrscheinlich radikaler ausfallen, als wenn wir nur modern sein wollen.
Wenn wir die Bequemlichkeit vorziehen und uns darauf nicht ganz neu wieder einlassen und uns von daher verändern lassen, dann werden wir nie missionarisch werden,
auch wenn wir noch so viele Aktivitäten planen und durchführen; dann werden wir schuldig daran, die Kraft des Evangeliums für die Menschen unserer Zeit zu verdecken. Wir und andere werden sie dann nicht erfahren. Dann wird unser Zeugnis des Glaubens wenig überzeugend und kraftlos sein, weil unser Glaube kraftlos bleibt.
Missionarischen Aufbrüchen sind immer Veränderungen vorausgegangen, die an die geistliche Substanz gingen.
Das war so bei den ersten Christen, in vielen Mönchsbewegungen, in der Reformation, in Erweckungsbewegungen in vielen Ländern der Erde und ist auch noch heute so in vielen Gemeinden. Die Frage ist: Glauben wir eigentlich, dass uns in der biblischen Botschaft der auferstandene Christus heute begegnet, oder halten wir die Bibel für ein Buch zur religiösen Erbauung und weltfremder Anweisungen? Glauben wir, dass Jesus wirklich das Leben ist, für die Ewigkeit und für das jetzige Leben, oder erhoffen wir uns das Leben nicht eigentlich von ganz anderen Dingen und betrachten den Glauben als sinnvolle Ergänzung. Glauben heißt, dass Jesus Christus die Mitte all unseres Denkens, Tun und Handelns sein soll. Missionarisch können wir nur werden, wenn das unser Ziel ist, und wir unser ganzes Leben und die ganze Gemeinde- und Kirchenarbeit von daher neu überdenken.
Wenn wir das glauben, dann können wir mutig mit Liebe, Fantasie und Kreativität auf die Menschen zugehen.
Es gibt keine Botschaft auf der Welt, die für die Menschen wichtiger und besser ist als die Botschaft Jesu. Und es gibt nichts wichtigeres, als den Menschen die Botschaft Jesu zu bringen. In aller Freiheit können wir dann immer wieder neu überlegen und uns fragen, welche Inhalte des Evangeliums und welche Formen angemessen sind, um den Menschen die alles überragende Botschaft Jesu zu bringen.
Die Bibeltexte sind überwiegend der Lutherbibel 1984 und 2017 entnommen. Außerdem wird auch die Gute Nachricht verwendet.
Bibelausgaben in verschiedenen Übersetzungen finden Sie bei der Deutschen Bibelgesellschaft