Predigt zu Lukas 17, 11-19
zum Thema: „Umgang mit schönen Erfahrungen“
am 12. Sonntag nach Trinitatis 

„11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch das Gebiet zwischen Samarien und Galiläa zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! 14 Und da er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.“ 

Was wollen wir mit all dem machen, was wir in der Vergangenheit erlebt haben

an schönen Erlebnissen, an eigenen Fehlern, an Verletzungen und Enttäuschungen und an Trauer um einen Menschen oder Verlust von etwas anderem Wichtigen.

Wir könnten sagen, man muss einfach loslassen und nach vorne schauen!

Es soll Menschen geben, die das können. Wenn es sie gibt, dann haben sie es leichter als andere, aber sie leben in der Gefahr, dass alles oberflächlich bleibt und sie nichts dazu lernen. Die meisten Menschen können das so nicht und das ist auch gut so. Aber viele Menschen nehmen alles bewusst oder unbewusst mit in die Zukunft.

Die Frage ist nur, ob es Ballast wird, den sie mitschleppen müssen, oder ob es Reichtum wird, der ihnen hilft, das Leben besser zu gestalten,

ob es sie im übertragenen Sinn arm oder reich macht. Man kann es auch so ausdrücken: Die Erfahrung ist der „Mörtel“ unseres Lebens. Die Bausteine sind das, was auf uns zukommt. Entweder wir bauen mit gutem Mörtel ein festes Lebenshaus oder wir bauen mit schlechtem Mörtel und müssen unsere ganze Kraft dafür verwenden, dass nicht immer alles zusammenbricht.

Wie können wir das Beste aus dem machen, was wir aus der Vergangenheit mitnehmen? Darum soll es in dieser und in anderen Predigten gehen.

Das ist nicht leicht! Ich schaffe es längst nicht immer, aber ich möchte Ihnen aus der eigenen Erfahrung einen guten Weg zeigen, der helfen kann, dass Erfahrungen zu Reichtum werden. Es ist ein Anstoß für einen Weg und kein Patentrezept!

Wir wollen uns heute etwas mehr beschäftigen mit den anscheinend schönen Erfahrungen.

Im ersten Moment denkt man vielleicht: Schöne Erfahrungen sind schön! Was gibt es da zu reden?

Aber auch schöne Erfahrungen können zum Ballast werden, die das Leben behindern oder zu etwas werden, was eine positive Lebensgestaltung fördert.

Ich will ein paar Beispiele nennen:

Ehemalige Mitarbeiter in der Jugendarbeit können später erzkonservativ werden, weil sie alles Zukünftige an ihren Erfahrungen aus der Jugendzeit messen. Neues, was dem nicht entspricht, wird dann abgelehnt.

In der Ehe wird von vielen Ehepaaren die Anfangszeit als besonders schön gesehen. In Zukunft wird dann alles daran gemessen. Wenn dann die Beziehung sich irgendwann verändert, wird die Veränderung abgelehnt, obwohl die Veränderungen vielleicht zu einem viel schöneren und reiferen Miteinander führen.
Manche Eltern denken immer, wie schön es doch war, als die Kinder noch klein waren. Die Veränderungen der Kinder in der Jugend- und Erwachsenenzeit empfinden sie als negativ. Dabei könnten vielleicht gerade diese Veränderungen das Miteinander neu und besser gestalten.
Andere wieder empfinden ihre eigene Kinder- oder Jugendzeit als besonders schön, zum Beispiel wie Weihnachten gefeiert wurde oder andere Höhepunkte des Lebens gestaltet wurden. Sie verhindern dadurch manchmal, dass sie selber als Erwachsene alles neu und kreativ gestalten.

So können schöne Erfahrungen uns daran hindern, dass wir offen sind für neue, vielleicht noch bessere Erfahrungen, und dass wir uns selbst weiterentwickeln in unserem Denken und als Persönlichkeit.

Die schönen Erinnerungen prägen sich unbewusst als Maßstab ein für das, was auch in Zukunft schön ist. Wir tragen diesen Maßstab mit uns herum und sind unter Umständen nicht mehr offen für neue, vielleicht noch schönere Erfahrungen.

So versuchen viele, Weihnachten so zu feiern, dass die romantischen Kindheitserlebnisse wieder verwirklicht werden. Besonders häufig werden dann die strahlenden Kinderaugen bei Geschenken erwähnt. Man erlebt dann zum Beispiel gar nicht, dass Weihnachten ohne Geschenke oder mit Gästen, die sonst alleine zuhause Weihnachten feiern müssten, viel schöner sein kann. Im privaten Bereich, in der Gesellschaft und in der Kirche gibt es viele Gewohnheiten, die einfach immer weitergegeben werden, weil man sie früher als schön empfand. Das kann dazu führen, dass Neuerungen, die das Leben viel lebendiger werden lassen, abgelehnt werden. Der Schriftsteller Friedrich Hebbel schreibt 1838 in sein Tagebuch: „Der Mensch gerät in große Gefahr, wenn er seine einseitig gewonnene Erfahrung zum alleinigen Maßstab seines Urteils und zum Prinzip seines Handelns macht.”

Eine weitere Gefahr besteht darin, dass schöne Erlebnisse zu einer Art Sucht werden können.

Da schöne Erlebnisse nur momentanes, aber kein langfristiges Glück bringen können, will man sie immer wiederholen, aber der Erlebniswert muss immer gesteigert werden wie bei einer Sucht. Viele Menschen konsumieren schöne Erfahrungen, immer mehr, ohne dass das irgendwelche langfristigen Auswirkungen auf den Alltag hätte. Die ganze Vergnügungsindustrie unserer Zeit baut darauf, dass wir Schönes konsumieren, und beim nächsten Mal muss es etwas mehr sein: der bessere Computer, das größere Auto, das schönere Wohnzimmer, der noch bessere Garten oder die noch luxuriösere Urlaubsreise und anderes mehr. Die Freude an dem, was da ist, wird dann nicht mehr empfunden, sondern es muss der nächste Kick her. Von der österreichischen Autorin Marie Freifrau Ebner von Eschenbach (1830-1916) stammt der Satz: „Niemand ist so beflissen, immer neue Eindrücke zu sammeln, wie der, der die alten nicht zu verarbeiten versteht.”

Nichts gegen schöne Erfahrungen. Ich kann nicht genug davon bekommen. Das Problem ist, dass die schönen Erfahrungen uns eigentlich glücklich machen sollen, aber wenn wir diesen Gefahren erliegen, schaffen sie nur kurze Glücksmomente, aber kein dauerhaftes Glück und sie engen die Möglichkeiten zu noch größerem Glück massiv ein.

In der Geschichte von den 10 Aussätzigen in Lukas 17, 11-19 werden 10 Aussätzige geheilt, aber nur einer kommt zurück, um sich bei Jesus zu bedanken.

Die Frage ist: Wer hat mehr von der Heilung, der überwältigenden Erfahrung,

die nicht nur eine neue physische Gesundheit bedeutete, sondern auch eine Wiedereingliederung in das gesellschaftliche und religiöse Leben: die neun oder der eine?

Die neun hatten die gute Erfahrung in Bezug auf ihre Gesundheit. Das hatte der eine auch, aber der eine hatte mehr, nämlich eine Liebesbeziehung zum Geber, zu Jesus, zu Gott und eine tiefe Dankbarkeit. Die neun konnten die Gabe wieder verlieren, der eine auch, aber der eine konnte die neue Beziehung zu Jesus nicht verlieren.

Ich will es mit einem Beispiel erläutern:

Wenn jemand einen Blumenstrauß geschenkt bekommt, was macht dann glücklicher: der Blumenstrauß oder die Liebe des Gebers? Ein Blumenstrauß ist immer schön, aber wenn man die Liebe des anderen sieht, ist er umso schöner, und die Liebe des anderen kann mich auch glücklich machen ohne den Blumenstrauß.

So geht es uns mit den schönen Erfahrungen des Lebens:

Wenn wir nur sie sehen, dann muss es das nächste Mal mindestens genauso oder mehr sein, wenn es wieder Glück schaffen soll. Ganz schlimm ist es aber, wenn sie ausbleiben oder zerbrechen. Wenn ich aber dahinter die Liebe des Gebers, die Liebe Gottes sehe, dann ist das viel kostbarer, viel dauerhafter, viel mehr glückbringend.

Die entscheidende Frage ist: Woraus speist sich mein Glück? Wovon ist mein Glück abhängig?

Wenn sich mein Glück nur speist aus den schönen Erfahrungen des Lebens,

dann muss ich aufpassen, dass ich nicht in die Gefahrenfallen tappe und mir die Möglichkeiten, Glück zu erleben, selbst einenge. Dann muss ich in der Angst leben, dass das, was mir Glück bringen soll, ausbleibt.

Wenn sich mein Glück aber speist aus der Gewissheit, dass Gott mich unendlich liebt,

dann sind die schönen Erfahrungen nicht Quelle des Glücks, sondern nur Bestätigung des Glückes, das ich aus der Liebe Gottes zu mir erhalte. Dann brauche ich keine Angst zu haben, denn diese Liebe bleibt, und es macht mich sehr frei von der Sucht nach schönen Erlebnissen oder von alten Maßstäben. Es macht mich frei, das Leben angstfrei positiv zu gestalten. Ich kann dann die schönen Erfahrungen viel besser genießen, weil ich nicht davon abhängig bin.

Es ist kein Patentrezept, sondern ein Weg. Es ist oft nicht einfach, aber es lohnt sich, die schönen Erfahrungen des Lebens so zu nehmen, dass wir dahinter, die Liebe unseres Vaters im Himmel entdecken und darüber von Herzen dankbar werden.

So kann man in die Zukunft schauen, nicht in der unsicheren Hoffnung auf bestimmte schöne Ereignisse, sondern in der Gewissheit, geborgen zu sein in Gottes Hand.

Predigt zu Lukas 17, 11-19 zum Thema: Umgang mit schönen Erfahrungen am 12. Sonntag nach Trinitatis
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