Predigt zu Matthäus 18, 21-22
zum Thema: „Umgang mit inneren Verletzungen“
am 13. Sonntag nach Trinitatis
„21 Da trat Petrus hinzu und sprach zu ihm: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal? 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“
Als Einleitung wiederhole ich die Einleitung der letzten Predigt zum Thema „Umgang mit schönen Erfahrungen“, denn sie ist auch für diese Predigt wichtig.
Was wollen wir mit all dem machen, was wir in der Vergangenheit erlebt haben an schönen Erlebnissen, an eigenen Fehlern, an Verletzungen und Enttäuschungen und an Trauer um einen Menschen oder Verlust von etwas anderem Wichtigen.
Wir nehmen alles bewusst oder unbewusst mit in die Zukunft. Die Frage ist nur, ob es Ballast wird, den wir mitschleppen müssen, oder ob es Reichtum wird, der uns hilft, das Leben besser zu gestalten.
Man kann es auch so ausdrücken: Die Erfahrung ist der „Mörtel“ unseres Lebens. Die Bausteine sind das, was auf uns zukommt. Entweder wir bauen mit gutem Mörtel ein festes Lebenshaus oder wir bauen mit schlechtem Mörtel und müssen unsere ganze Kraft dafür verwenden, dass nicht immer alles zusammenbricht.
Die Frage ist: Wie können wir das Beste aus dem machen, was wir aus der Vergangenheit mitnehmen?
Heute soll es um den Umgang mit unseren inneren Verletzungen gehen.
Mit Verletzungen ist nicht gemeint, wenn wir uns bei einem falschen Wort verletzt fühlen oder durch einen schiefen Blick, sondern gemeint sind die tieferen Wunden an der Seele, die uns im Laufe des Lebens zugefügt wurden. Die zeigen sich oft später im Leben, zum Beispiel wenn wir uns in einer bestimmten Situation zurückziehen oder aufbrausen, weil uns etwas trifft.
Die inneren Wunden sind oft schon sehr alt.
Meistens sind sie entstanden, weil Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt und enttäuscht wurden.
Deshalb erfahren wir auch die meisten inneren Verletzungen von den Menschen, von denen wir am meisten Liebe und Zuwendung erwarten, zum Beispiel durch Eltern und Geschwister, durch Partner und Freunde. Häufige Erfahrungen sind dann zum Beispiel: „Meine Schwester wurde mir vorgezogen und bekam von meinen Eltern mehr Liebe und Anerkennung.“ „Ich habe Verständnis erwartet für meine Situation, aber der andere machte mir Vorwürfe für meine Fehler. Es gab es kein Verständnis, sondern nur Strafen.“ „Ich habe mich jemanden anvertraut, aber der andere hat mich ausgenutzt und sich gegen mich gestellt.“ Man könnte sicher leicht weitere Beispiele hinzufügen.
An Kirche und Christen werden oft hohe Erwartungen gestellt,
die dann auch leicht enttäuscht werden, so dass sich jemand verletzt fühlt und sich von der Kirche und dem Glauben abwendet.
Häufig verletzen wir uns auch selbst.
Wir müssen uns nur fragen, wie wir oft mit uns selbst umgehen. Was sagen wir uns alles für Hässlichkeiten, auch in Gedanken zum Beispiel: „Du bist doch blöd!“ „Du Idiot!“ „Ich bin eine Null; ein Versager!“
Manchmal werden wir so verletzt, weil Menschen uns böswillig weh tun wollten oder weil unsere eigene Eitelkeit und unser Stolz verletzt werden. Meistens liegt es im Unvermögen von anderen oder von uns selbst.
Diese Erfahrungen kennen wir alle.
Es kommt letztlich nicht darauf an, ob es wirklich so war, ob das andere Kind vorgezogen wurde, sondern wie jemand es empfunden hat. Das ist die Wunde, die wir uns mir herumschleppen, unter der wir manchmal gleich leiden, manchmal noch Jahre später oder unser ganzes Leben lang.
Die Frage ist, ob es ein großer Ballast ist, den wir von Jahr zu Jahr mit uns herumschleppen und der immer größer wird oder ob wir uns von diesem Ballast befreien können und diese Erfahrungen vielleicht sogar zu einem positiven Reichtum werden können.
In der Regel antworten wir auf solche inneren Verletzungen,
entweder mit Aggression und mit Kampf gegen die, die uns verletzen oder verletzt haben, manchmal bis hin zu Hass- und Rachegefühlen, oder wir reagieren mit innerem Rückzug und mit Verbitterung. Wir ziehen uns zurück und bauen einen Panzer um uns auf als Schutz vor neuen Verletzungen. Manche denken dann: „Ich vertraue niemandem mehr, ich lasse niemand mehr an mein Innerstes heran, an meine Gedanken und Gefühle. Die können mich alle mal.“
Das ist eine verständliche Reaktion und viele kennen sie von sich selbst. Doch wen belastet das letztlich, für wen ist das schädlich?
Die Menschen, die es uns zugefügt haben, erreichen wir damit fast niemals, sondern wir schaden uns selbst und die Menschen, die wir lieben und die Beziehung zu ihnen.
Das Problem ist, dass wir uns so bannen und gefangen nehmen lassen von den inneren Verletzungen,
dass wir nur noch auf diese Menschen sehen und so unsere eigene Freiheit und Souveränität verlieren in dem, was wir denken und tun, und dass wir unfähig werden, die Liebe in den guten Beziehungen zu sehen, geschweige denn Vertrauen in neue Beziehungen zu investieren.
So zerstören wir letztlich uns, die Menschen, die wir lieben und die Beziehung zu ihnen. Wir haben damit der Verletzung oder den Menschen eine ungeheure Macht über unser zukünftiges Leben gegeben. Es wäre besser, wenn das, was andere Menschen uns antun oder angetan haben, gewollt oder ungewollt, keine Bedeutung mehr für uns haben muss.
Der Umgang mit unseren inneren Verletzungen ist eine Machtfrage:
Soll dies Macht über uns haben oder das Gute, das wir erfahren? Worauf richten wir den Blick, was soll uns in Zukunft prägen und beeinflussen in unseren Stimmungen, Gedanken und in unserem Handeln? Das Gute kann eine menschliche Beziehung sein, aber manchmal sind die Verletzungen so groß, dass das nicht ausreicht, ja dass gerade da neue Verletzungen auftreten, weil die alten noch nicht überwunden sind.
Der bessere Weg ist, wenn wir uns ganz intensiv dem vollkommenen Guten aussetzen und das ist Gott, sowie er sich uns in Jesus Christus zeigt,
indem wir uns von seiner Fürsorge, Zuwendung, Liebe, Verständnis und Annahme anfüllen lassen. Je mehr das, was Gott für uns getan hat und tut, beherrschend wird, desto mehr verliert das Negative an Bedeutung. Wir werden frei! Wenn zum Beispiel jemand dich ablehnt, für dich aber ganz wichtig ist, dass Gott dich annimmt, dich gebrauchen kann, dann verliert die Ablehnung eines Menschen an Bedeutung, denn du hast die Liebe und Anerkennung von Gott, die einen unvergleichlich höheren Wert hat.
In Matthäus 18, 21+22 fragt Petrus Jesus:
„Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus spricht zu ihm: „Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“
Die sieben ist in der Bibel eine Zahl der Vollkommenheit.
Es geht also bei Petrus auch nicht um eine Begrenzung auf die Zahl sieben, aber Jesus steigert es noch einmal und drückt damit aus, dass wir unserem Nächsten immer vergeben sollen, immer wieder.
Vergeben ist keine moralische Leistung wie ein Pluspunkt auf unserem Konto, sondern Vergeben heißt „entlasten“.
Durch Vergebung befreien wir andere und uns selbst vom Ballast der Vergangenheit! Vergeben heißt auch nicht, dass wir das, was der andere getan hat, gutheißen, sondern es bedeutet, dass es keine belastende Bedeutung mehr für uns hat. Es bedeutet Freiheit vom Alten, von den inneren Verletzungen. Im Vater Unser beten wir: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wie vergeben unseren Schuldigern.“ Wir entlasten damit andere und uns selbst. Wir werden wieder frei und souverän.
Durch die Entlastung werden wir wieder offen für neue positive Beziehungen,
für ganz neue Erfahrungen, die in unseren Herzen mit dem Alten nichts mehr zu tun haben. Wir müssen dann nicht mehr die neuen Erfahrungen an den alten messen und Angst haben, dass uns schon wieder das Alte begegnet, sondern wie Paulus es in 2. Korinther 5, 17 sagt: „Ist jemand in Christus, dann ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Wenn wir diesen Weg gehen, können uns die negativen Erfahrungen sogar helfen, mit neuen Situationen gelassen und souverän umzugehen, und wir können anderen damit helfen.
Das ist kein Patentrezept, sondern ein Weg, auf dem Heilung geschehen kann, vielleicht nicht immer von heute auf Morgen, aber mit Jesus gibt es Heilung, Freiheit und neues Leben.
Predigt zu Matthäus 18, 21-22 zum Thema: Umgang mit inneren Verletzungen am 13. Sonntag nach Trinitatis
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